Kelly-Affäre zieht weiter Kreise
Die BBC fürchtet die Rache der Regierung

Wie ein Häufchen Elend saß der Waffenexperte David Kelly am Dienstag vergangener Woche vor dem Unterhausausschuss, der ihn zu seiner Rolle als BBC-Informant vernahm. „Gibt es etwas, was Sie aus all dem gelernt haben?“ lautete die letzte Frage. Kellys Antwort: „Nie mehr mit einem Journalisten sprechen.“

HB/dpa LONDON. Zwei Tage später nahm er sich das Leben. Nun „droht nach der „New York Times“ (wo ein Journalist seine Berichte frei erfand) eine weitere weltweit respektierte Medieninstitution vom Sockel gestoßen zu werden“, befürchtet die niederländische Zeitung „Volkskrant“. „Alle Pfeile sind auf die (Rundfunkgesellschaft) BBC gerichtet.“

Worum geht es? Der beim Verteidigungsministerium angestellte Kelly war einer der wichtigsten britischen Experten für irakische Massenvernichtungswaffen. Unabhängig voneinander sprachen Ende Mai drei BBC-Journalisten mit ihm: Andrew Gilligan, Gavin Hewitt und Susan Watts. Alle berichteten anschließend übereinstimmend, dass die Regierung nach Darstellung Kellys - der namentlich nicht genannt wurde - Geheimdienst-Informationen über Saddam Husseins Waffen aufbereitet habe, um sie überzeugender erscheinen zu lassen.

Ihre Formulierungen unterschieden sich aber stark von einander. Hewitt berichtete vorsichtig, seine Quelle sei davon überzeugt, dass das Büro von Premierminister Tony Blair die nüchternen Informationen mit „etwas PR“ angereichert habe. Gilligan ging viel weiter. Ihm zufolge hatte Kelly gesagt, dass die Regierung ihr Irak-Dossier gegen den Willen der Geheimdienste mit unzuverlässigen Informationen „aufgebauscht“ habe. In einem Zeitungsartikel spitzte Gilligan dies noch weiter zu und schrieb, dies sei auf Anweisung von Blairs engstem Vertrauten, Kommunikationsdirektor Alastair Campbell, erfolgt.

Hierfür verlangt die Regierung seitdem eine offizielle Entschuldigung der BBC. Sie wirft Gilligan vor, Kellys Kritik stark übertrieben zu haben. Auch Kelly selbst hatte vor dem Unterhausausschuss gesagt, Gilligans Bericht sei durch das, was er ihm gesagt habe, nicht gedeckt. Die BBC-Spitze hat sich bisher jedoch hinter ihren Reporter gestellt und seine Berichterstattung verteidigt.

Mittlerweile fordern Regierungspolitiker den Rücktritt des BBC-Generaldirektors Greg Dyke und des Aufsichtsratsvorsitzenden Gavyn Davies. Das ist nicht ohne Ironie, denn beide verdanken ihre Posten beim Staatssender auch ihren guten Verbindungen zu Blairs Partei: Dyke hat Labour große Summen gespendet, Davies beriet früher Finanzminister Gordon Brown. Doch vielleicht sind sie gerade deshalb darauf bedacht, ihre Unabhängigkeit zu beweisen.

Blair und Campbell haben die BBC schon länger im Visier. Während des Krieges warfen sie ihr eine zu Irak-freundliche Berichterstattung vor, und nachher thematisierte der Sender nach ihrem Geschmack zu häufig die Zweifel an der offiziellen Rechtfertigung des Krieges. Nun verlangt der Labour-Abgeordnete Gerald Kaufman, Vorsitzender des Medienausschusses im Unterhaus, die BBC müsse stärker der staatlichen Kontrolle unterstellt werden.

Es wurden sogar Forderungen laut, alle Journalisten müssten zur Offenlegung ihrer Quellen verpflichtet werden - was die Wächterrolle der Medien nach Ansicht von Kritikern dieses Verlangens unmöglich machen würde, da unter diesen Umständen kaum noch jemand zur Weitergabe brisanter Informationen bereit sein dürfte. Unterstützt werden die Angriffe von „Times“ und „Sun“, den Blättern Rupert Murdochs. Dessen amerikanischem Nachrichtensender Fox, der während des Krieges durch besondere US-Freundlichkeit auffiel, macht die BBC zunehmend Konkurrenz. „Du Ratte“, titelte die „Sun“ über einem Foto von Gilligan.

Der BBC-Chefkommentator Andrew Marr prophezeite diese Woche düster, wenn ein Streit zwischen einer Regierung und einem Medium erst einmal solche Ausmaße angenommen habe, dann neige die Regierung dazu, „sich irgendwann zu rächen“. Nicht nur BBC-Leute machen sich Sorgen. Blairs ehemaliger Medienminister Chris Smith warnte am Donnerstag, die BBC, „ein unentbehrlicher Teil im Leben unserer Nation“, dürfe nicht auch noch ein Opfer des Krieges werden.

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