Kelly-Interview vor dem Selbstmord
Nur geringe Bedrohung durch Irak gesehen

In einem Interview vor seinem Selbstmord hat der britische Waffenexperte David Kelly nach den Worten eines BBC-Reporters die Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen als gering bezeichnet.

Reuters LONDON. BBC-Reporter Andrew Gilligan zitierte Kelly in einer Anhörung zu dessen Selbstmord mit den Worten, die irakischen Waffenprogramme seien klein gewesen. Der gestürzte irakische Präsident Saddam Hussein hätte „nicht besonders viele Menschen töten können, selbst wenn es gut für ihn gelaufen wäre“. Kelly hatte sich im vergangenen Monat die Pulsader aufgeschnitten. Er war zuvor als Quelle für einen BBC-Bericht genannt worden, in dem der britischen Regierung vorgeworfen wurde, die Bedrohung durch den Irak aufgebauscht zu haben. Die Regierung, die durch den Selbstmord Kellys unter starken innenpolitischen Druck geraten ist, hat den Bericht zurückgewiesen.

Gilligan sagte, während des Interviews habe Kelly davon gesprochen, dass es keine einsatzbereiten Waffen im Irak gebe. Der BBC-Reporter stützte sich dabei auf seine Notizen über das Gespräch mit Kelly, der als UNO-Waffeninspektor im Irak tätig war. Gilligan bekräftigte seine Darstellung, wonach Kelly den PR-Chef des britischen Premierministers Tony Blair, Alastair Campbell, für Veränderungen an einem Geheimdienstdossier verantwortlich machte. Das Dossier sei eine Woche vor der Veröffentlichung verändert worden, um es aufregender zu machen, sagte Gilligan. Bei der Anhörung haben verschiedene Regierungsvertreter bestritten, dass Campbell solchen Einfluss genommen habe.

Kelly selbst hatte vor seinem Tod nicht genehmigte Kontakte mit Journalisten eingeräumt, in einer Parlamentsanhörung jedoch bestritten, die in dem BBC-Bericht genannten Vorwürfe erhoben zu haben. In einem Memo an seine Vorgesetzten schrieb der Waffenexperte: „Unsere Diskussion drehte sich nicht um das Dossier.“ Nach seinem Selbstmord bestätigte die BBC, Kelly sei die Quelle ihres Berichts gewesen.

Die BBC hatte Gilligan stets gegen Angriffe in Schutz genommen, innerhalb des Senders gab es aber offenbar Zweifel. „Diese Geschichte war ein gutes Stück investigativer Journalismus, das durch fehlerhafte Recherche verdorben wurde“, schrieb der Leiter des „Today“-Programms der BBC-Welle Radio vier in einer internen Notiz. „Unser größter Mühlstein war sein lockerer Umgang mit der Sprache und stellenweise fehlendes Urteilsvermögen bei der Wortwahl."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%