Kim Jong Un: Der Baby-Diktator als Marketing-Lehrstück

Kim Jong Un
Der Baby-Diktator als Marketing-Lehrstück

Wer verkauft die meisten Fleischspieße in Nordostchina? Ein Imitator von Kim Jong Un legt sich eine Frisur zu, wie der nordkoreanische Diktator sie bevorzugt. Und wird zur internationalen Sensation.
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PekingDer König der erfolgreichen Verkäufer ist derzeit der Betreiber eines Fleischspießchen-Grills in der nordchinesischen Stadt Shenyang. Mit minimalen Mitteln hat er maximale Aufmerksamkeit für seine Produkte erreicht. Nur eine Woche nach Beginn seiner genialen Marketing-Aktion musste er bereits seinen ersten Mitarbeiter einstellen. Sein Trick: Er legte sich eine Frisur zu, wie der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un sie bevorzugt. Und wurde zur internationalen Sensation.
Was gutes Marketing ist, lässt sich möglicherweise auch in teuren Büchern von Top-Managern nachlesen, die im Anzug von einem klimatisierten Büro aus eine große Organisation geleitet haben. Viel einfacher und schlauer ist es allerdings, auf chinesische Straßenhändler zu achten – wie sie ihre Waren ausrufen, blitzschnell Kunden abtaxieren und notfalls innerhalb weniger Stunden ihr Sortiment ändern. Aufmerksamkeit ist alles. Inhaber von Kleiderständen auf offenen Märkten stellen oft Lautsprecher auf, die animierende Popmusik plärren.
Doch das alles ist uralt im Vergleich zur Masche des Straßenhändlers in Shenyang. Dabei hatte er zunächst nicht viel, womit sich zur Verkaufsförderung arbeiten ließe. Er besaß nur einen der typischen länglichen Spießchen-Grills, die in ganz China verbreitet sind. Und sich selbst. Humankapital im besten Sinne.

Schnell kam er auf die Idee mit der Kim-Frisur. Als zweites Element zog er sich eine schwarze, hochgeschlossene Jacke an. Obwohl sein Gesicht runder und markanter ist als das des Baby-Diktators von Nordkorea, war die Ähnlichkeit groß genug. Erste Kunden sprachen ihn spontan darauf an: „Du sieht ja aus wie Kim Jong Un!“
Natürlich postete jeder, der bei ihm am Straßenrand Fleischspießchen aß, sein Foto im Netz. Die meisten luden es auf Weibo hoch, das chinesische Gegenstück zu Twitter. So verbreitete sich die Kunde vom Kim-Imitator in Chinas Sozialnetzen. Bald griffen auch Mikroblogger mit vielen Millionen Followern die Bilder auf. Der unbekannte Imbissmann aus Shenyang wurde landesweit berühmt.
Vor zwei Wochen griffen erste Zeitungen und Fernsehsender die Geschichte auf. Wenige Tage später erschienen die ersten Nachrichten von „Kims Doppelgänger“ in anderen Sprachen. Der Spießchenverkäufer hält jedoch immer noch seine wahre Identität geheim, um sich interessanter zu machen. Gegenüber anreisenden Journalisten machte er nur vage Andeutungen, die offen ließen, ob er nicht selbst auch aus Nordkorea stammt.

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Der Spießchenmann hat einen Spitznamen

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