Kinder vieler Opfer sind heute im Kindergartenalter
„Mochte Papa Mayonnaise oder Senf?“

Viele junge Väter haben im World Trade Center ihr Leben verloren, bevor ihre Kinder zur Welt kamen. Jetzt machen sich die heute Fünfjährigen auf die Suche nach ihnen – für die Kinder eine schwere Last.

HB NEW YORK. Wenn Derek Fotos von seinem Vater sieht, schießen dem Vierjährigen Tränen in die Augen. „Warum gibt es kein Bild von Papa und mir?“ will er wissen. Dereks Mutter Kimberley fällt die Antwort schwer. Aber sie versucht, ihrem Jüngsten zu erklären, warum er seinen Vater nie kennenlernen wird: Derek Statkevicus Senior kam bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ums Leben.

Dutzende Kinder in New York und Umgebung teilen das Schicksal des kleinen Derek. Das erste Kind, das seinen Vater schon vor der Geburt bei den Anschlägen verlor, kam noch am Terrortag selbst zur Welt, das letzte neun Monate später. Jetzt, im Kindergartenalter, suchen die Söhne und Töchter nach ihren Vätern. Nur Fotos und die Erinnerungen anderer helfen den Kleinen, sich ein Bild von ihrem Vater zu machen. „Mochte Papa Mayonnaise oder Senf?“ ist eine der leichteren Fragen. Aber die Mütter müssen auch Antworten auf Überlegungen geben wie die Frage: „Sieht er mich, wenn ich Fahrrad fahre?“

Papa im Himmel

Gabriel ist überzeugt, dass sein Vater ihn sehen kann. Kürzlich ließ er einen Luftballon für seinen Vater Ariel Jacobs in die Wolken steigen. „Ok, der Ballon hat den Weg in den Himmel gefunden. Ich denke, er hat ihn jetzt“, habe der Kleine gesagt, berichtet seine Mutter. Gabriel hat die strohblonden Haare seines Vaters, seine Nase und seine blauen Augen. „Es ist ein bittersüßer Anblick“, sagt Mutter Jenna. „Er ist eine Erinnerung an Ari, nicht nur daran, dass es ihn gegeben hat, sondern auch daran, wie er war, weil sie sich so ähnlich sind.“ Sie müsse aufpassen, dass Gabriel nicht mit dem Gefühl aufwachse, ein Ersatz für seinen Daddy zu sein, räumt Jenna Jacobs-Dick ein. „Aber ich spüre Ari durch ihn.“

Jedes Kind, das ein Elternteil verloren hat, trage eine schwere Bürde, erklärt Marylene Cloitre vom Institut für Trauma und Stress an der Universität von New York. Für die Töchter und Söhne der Terroropfer sei der Druck aber besonders groß. Sie könnten das Gefühl bekommen, ihre als Helden verehrten Väter ersetzen zu müssen - „was besonders schwer ist, wenn man 17 ist und selbst kaum weiß, was man fühlt und denkt.“ Auf die Mütter warte „ein lebenslanger Dialog“ mit ihren Kindern über das Wesen der nie erlebten Väter und über Ähnlichkeiten in Aussehen und Charakter, sagt Cloitre. „Das bringt einen an die Grenzen.“

Terilyn Esse war es besonders wichtig, ihrem Sohn Jack zu vermitteln, dass sein Vater ihn nicht im Stich gelassen hat. Sie habe ihm das Gefühl gegeben, immer mit seinem Papa in Verbindung treten zu können. Schon bald habe Jack voller Zuversicht erklärt, sein Daddy sei bei ihm, „wenn ich meine Augen schließe und in mein Herz schaue“.

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