Kindermigranten
Fahrt nach nirgendwo

Weil Europa Erwachsene, die illegal einreisen, immer öfter zurückweist, schicken afrikanische Familien vermehrt ihre Kinder auf den Weg in die EU. Denn die Uno verbietet, sie wieder auszuweisen. In Tanger lauern die Hafen-Kids täglich auf ihre Chance.

TANGER. Vom gelobten Land träumt Driss jeden Abend mit offenen Augen. Dann, wenn die Sonne über Tanger untergegangen ist, blickt der kleine marokkanische Junge hinüber übers Meer auf die vielen bunten Lichter am Horizont. Sie gehören den spanischen Städten Tarifa und Algeciras. Sie sind sein Ziel, sein Lebensinhalt.

Driss ist elf Jahre alt. Sagt er. Aber er wirkt viel jünger; klein, zerbrechlich und doch so willensstark: "Ich will nach Spanien", erzählt Driss. "Dort liegt mein Glück. Diese Nacht werde ich es wieder versuchen."

Seit zwei Jahren lebt er mit anderen Jugendlichen im Hafen von Tanger. Er schläft unter freiem Himmel, bettelt um Essen und schnüffelt Klebstoff, um den Hunger zu vergessen. "Gestern erst ist ein Freund von mir dabei gestorben. Er hat zu kräftig eingeatmet und ist an der Plastiktüte erstickt", sagt Driss.

Im Hafen von Tanger leben rund 350 marokkanische Kinder, an Wochenenden tummeln sich dort bis zu 1 000 Minderjährige. Sie alle wollen emigrieren - illegal, ins Glück. Samstags fahren die meisten Fähren rüber nach Spanien, jede halbe Stunde eine. Für die Hafen-Kinder von Tanger sind die Schiffe die große Chance für ein besseres Leben.

Mohammed Serifi Villar kennt die Situation. Er sieht einen neuen Trend - hervorgerufen durch neue EU-Regeln. "Die marokkanischen Familien haben ihre Strategie geändert", sagt Villar, der in Tanger das Uno-Kinderhilfswerk Unicef vertritt. "Weil es für Erwachsene immer schwieriger wird, auf legalem oder illegalem Weg nach Europa zu kommen, schicken die Eltern nun ihre Kinder. Je schwieriger die Einwanderung wird und je schärfer die Gesetze in Europa werden, umso mehr Kinder kommen und versuchen die Überfahrt."

Tangers Hafen-Kinder sind neun bis 17 Jahre alt und kommen aus ganz Marokko. Für viele Familien, sagt Unicef-Mitarbeiter Villar, sei die Migration eines ihrer Kinder die letzte Chance, sich aus ihren ärmlichen Lebensumständen zu befreien.

Trotz eines wirtschaftlichen Aufschwungs und politischer Stabilität haben in Marokko noch immer mehr als drei Millionen Menschen weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben. Auf dem Land leben bis zu 30 Prozent der Bewohner unter der Armutsgrenze. Der Analphabetismus erreicht in diesen Regionen bis zu 80 Prozent. Und die Arbeitslosigkeit auf dem Land liegt bei fast 20 Prozent.

Die ganze Hoffnung liegt dann auf der Auswanderung nach Europa. Dafür sparen Familien über Jahre, Dörfer legen zusammen, um einem Kind die Reise zu finanzieren. Denn die ist teuer. Viele Familien engagieren Schlepper. 3 000 bis 5 000 Euro sind der übliche Preis für logistische Hilfe auf dem Weg nach Europa. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat errechnet, dass das Geschäft mit illegalen Flüchtlingen mittlerweile ertragreicher ist als der Drogenhandel.

"Die Familien hoffen, dass ihr Kind es nach Europa schafft, dort Arbeit findet und Geld nach Hause schicken kann", sagt Mohammed Serifi Villar von Unicef. Kinder haben eine größere Chance, von den Behörden in Spanien nicht gleich wieder zurück nach Marokko geschickt zu werden. Madrid ist durch seine Ratifizierung der Uno-Konvention für Kinderrechte dazu verpflichtet, die Minderjährigen zunächst in Obhut zu nehmen. 2006 strandeten allein auf den Kanarischen Inseln über tausend unbegleitete Kinder mit Flüchtlingsbooten. Bis zu 7 000 Flüchtlingskinder leben derzeit ohne ihre Familien in Spanien. Sie versuchen, sich durchzuschlagen, bis sie endlich 18 Jahre alt sind. Dann haben sie laut Gesetz Anspruch auf ordentliche Papiere.

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