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03.03.2007 
Familienpolitik

Kinderparadies Frankreich

Der Streit um die Familienpolitik in Deutschland ist voll entbrannt. Ministerin von der Leyen will für Kinder berufstätiger Mütter mehr Krippenplätze schaffen. Einige Unionspolitiker fürchten dadurch eine Abwertung von Hausfrauen. Eltern in Frankreich dürften die hiesige Diskussion mit Staunen beobachten. Dort ist Kleinkindbetreuung selbstverständlich – und der Staat profitiert.

Familienparadies Frankreich: Das Land gilt als Musterschüler in der Kinderbetreuung. Foto: dpaLupe

Familienparadies Frankreich: Das Land gilt als Musterschüler in der Kinderbetreuung. Foto: dpa

HB BERLIN/PARIS. Frankreich ist nicht nur beispielhaft im Kinderkriegen, sondern auch ein Musterschüler in der Kinderbetreuung. „Mit 80 Prozent berufstätiger Frauen brauchen wir ein solides und flexibles Betreuungssystem“, sagt Familienminister Philippe Bas.

In den kommenden fünf Jahren will er weitere 40 000 Krippenplätze schaffen und damit die Gesamtzahl der Betreuungsplätze für Kleinkinder auf mehr als 360 000 anheben. Neben den heute 320 000 Krippenplätzen gibt es noch mehr als 500 000 Plätze bei Tagesmüttern und Hausmädchen. Für Gehalt und Sozialversicherung der „assitantes maternelles“ oder „nourrices“ erhalten die Familien Zuschüsse.

Seit rund 15 Jahren baut Frankreich seine Infrastruktur zur Kinderbetreuung kontinuierlich aus. Bei einem Geburtenrekord von 2,07 Kinder pro Frau liegt der Schwerpunkt neben Kindergärten und Tagesmüttern auf den Kinderkrippen. „Die Priorität gilt Kindern unter drei Jahren, deren Eltern arbeiten“, erklärte Bas. In Frankreich gibt es derzeit 2,4 Millionen Kinder unter drei Jahren. Rund 240 000 von ihnen sollen noch ohne Krippenplatz sein. In diesen Tagen werden erstmals so genannte „Mikrokrippen“ eröffnet. Sie nehmen maximal neun Kinder zwischen sechs Monaten und drei Jahren auf.

Aber auch die Privatwirtschaft ist in diesem Bereich aktiv, vor allem, seit der französische Staat Unternehmenskrippen subventioniert. Seit 2004 gibt es für die Gründung und für den Unterhalt Finanzhilfen zwischen 60 und 80 Prozent. Die Anzahl der Firmenkrippen stieg seither von 54 auf 1255. Für Kinder über drei Jahren hat Frankreich ein Vorschulsystem, die „écoles maternelles“. 99 Prozent aller Kinder ab drei Jahren besuchen sie ganztägig.

Die als vorbildlich gelobte Kinderbetreuung in Frankreich bringt einer aktuellen Studie zufolge auch handfeste ökonomische Vorteile: Während in Deutschland der vor vier Jahren einsetzende Bevölkerungsrückgang als unaufhaltsam gelte, würden für Frankreich langfristig steigende Einwohnerzahlen vorhergesagt, heißt es in einer Modellrechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) für die Zeitung "Die Welt".

In Deutschland würden schon bald die so genannten Baby Boomer in Rente gehen und müssten durch geburtenschwache Jahrgänge ersetzt werden. „Der dadurch zu erwartende Mangel an Arbeitskräften wird zur Wachstumsbremse.“

Indes wird in Deutschland weiter hitzig über den Ausbau der Kleinkinderbetreuung und das richtige Familienbild gestritten. Zwar wächst der Rückhalt für die Pläne von Familienministerin Ursula von der Leyen. Unterstützung erfuhr die CDU-Politikerin vor allem von ihren Parteifreunden aus den Ländern: Nach Roland Koch und Christian Wulff verteidigten auch die Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und Dieter Althaus den Vorstoß, die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren massiv zu erhöhen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Die berufstätige Frau darf nicht das alleinige Leitbild sein“

Unionsfraktionschef Volker Kauder warnte aber zugleich davor, Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuten, als rückständig zu verurteilen. Die CDU habe in ihrem neuen Grundsatzprogramms klar formuliert, dass Ehe und Familie die tragenden Säulen des Familienbildes seien, sagte Kauder am Sonntagabend im ZDF. Zugleich müsse man aber die Realität anerkennen, dass immer mehr junge Frauen Familie und Beruf miteinander verbinden wollten.

Die CDU wolle, dass diese Familien zwischen einer Betreuung zu Hause oder in der Krippe entscheiden könnten. „Wahlfreiheit ist wichtig“, sagte Kauder. Dafür müsse man Angebote machen, und dafür sei der Ausbau der Krippenplätze notwendig. Zugleich dürften Eltern, die ihre Kinder zu Hause versorgten, aber nicht so dargestellt werden, als stammten sie aus dem letzten Jahrhundert. Kauder hatte die Diskussion um das Familienbild der Union vergangene Woche ins Rollen gebracht, indem er unter anderem verlangte, die berufstätige Frau dürfe nicht das alleinige Leitbild sein.

Für den Ausbau der Kinderbetreuung sind die Länder und die Kommunen zuständig. Von der Leyen will die Zahl der Betreuungsplätze für unter Dreijährige bis 2013 auf 750.000 verdreifachen und die auf drei Milliarden Euro geschätzten Kosten auf Bund, Länder und Kommunen verteilen. Der niedersächsische Ministerpräsident Wulff und sein hessischer Kollege Koch hatten ihr dafür bereits am Wochenende grundsätzliche Unterstützung signalisiert.

Auch der nordrhein-westfälische Regierungschef Rüttgers stellte sich hinter die Pläne. „Die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigt leider, dass dies für viele Kinder aus nicht intakten Familien die bessere Lösung sein kann“, sagte der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende der „Rheinischen Post“. Der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) sagte der „Thüringer Allgemeinen“, wenn man Optionen anbieten wolle, „muss man auch entsprechende Angebote machen“.

Die bayerische Familienministerin Christa Stewens (CSU) verwahrte sich gegen den Vorwurf, sie verfolge eine rückständige Familienpolitik. Der „Frankfurter Rundschau“ sagte Stewens, beide Lebensmodelle müssten möglich sein - das der Hausfrau und das der berufstätigen Mutter. Auch sie warnte dabei vor einem falschen Zungenschlag in der Debatte. Die staatliche Kinderbetreuung dürfe nicht ausgespielt werden gegen die Erziehung innerhalb der Familie.

Ihr Parteifreund Johannes Singhammer bekräftigte im ARD-Morgenmagazin: „Ich denke, dass die Pläne unterstützt werden und dass wir bei der Finanzierung eine Lösung finden.“ Vor allem die Kommunen sparten mittlerweile viel Geld, weil immer weniger Kinder geboren würden. „Das Geld dann in eine bessere Betreuung zu investieren, das macht Sinn“, sagte der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag.

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