Kirche
Polens wichtigster Bischof nimmt den Hut

Polens berühmtester und mächtigster Kirchenführer Jozef Glemp tritt ab. Mit ihm geht der einflussreichste Geistliche des Landes. Der Bischof hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Glemp trug entscheidend zum Sieg der Freiheitsbewegung 1989 bei und unter dem Kriegsrecht der Kommunisten verhinderte er ein Blutvergießen.
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DÜSSELDORF. Sein „Mausoleum“ wird derzeit aus Beton gegossen: In Warschaus Nobelstadtteil Wilanow wächst die größte katholische Kathedrale des Landes in den Himmel, doch Polens berühmtester Kirchenführer Jozef Glemp wird die Einweihung nur noch als Privatmann erleben. Am heutigen Freitag feiert Glemp seinen 80. Geburtstag und gibt seinen Ehrentitel als Primas der polnischen Kirche nach 28 Jahren ab. Mit ihm tritt der wichtigste und einflussreichste Geistliche des Landes ab. Die katholische Kirche verfügt in Polen über erhebliche Macht bis hin in die Wirtschaft des Landes. Nur Johannes Paul II., den man östlich der Oder „unseren polnischen Papst“ nennt, war noch bedeutender.

Glemp war im Juli 1981 als jüngster polnischer Bischof zum Primas berufen worden. Als Oberhirte musste Glemp den Freiraum seiner Kirche gegen die damals noch regierende Kommunistische Partei verteidigen. Eine Zuspitzung der Lage musste Glemp meistern,als der damalige KP-Chef General Wojciech Jaruzelski den Kriegszustand verhängte. Während die Aktivisten der verbotenen unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc hofften, die Kirche stelle sich auf die Seite des Widerstands, rief Glemp zur Besonnenheit auf. Er verhinderte so Blutvergießen, aber nicht den Exodus hunderttausender Polen in den Westen.

Der auch von Glemp entscheidend mitherbeigeführte Sieg der Freiheitsbewegung 1989 wurde für Polens Katholiken zu einem Wechselbad der Gefühle: Einerseits bekam die Kirche mehr Macht. Der Religionsunterricht wurde in dem zuvor offiziell atheistischen Staat flächendeckend eingeführt, Abtreibungen verboten und Eheschließungen in Gotteshäusern erlaubt. Andererseits erlitten die von der Kirche unterstützten Parteien harte Niederlagen. Auch gegen den EU-Beitritt Polens liefen Glemp und seine Anhänger vergeblich Sturm.

Den Riss durch seine Kirche konnte Glemp, der im Mai 2004 nach 23 Jahren die Leitung der polnischen Bischofskonferenz abgab und 2007 als Erzbischof von Warschau zurücktrat, nicht verhindern. So erhalten erzkonservative katholische Kräfte um den nationalistischen und anti-semitischen Sender „Radio Maar“ immer mehr Einfluss. Obwohl führende Geistliche auf Distanz gehen, hören Millionen heute das Programm.

Glemp wurde 1929 als Sohn eines Bergmanns in Infoportal geboren. Im Krieg war er Zwangsarbeiter auf dem Hof eines Baltendeutschen. Glemps Nachfolger als Primas wird Erzbischof Henryk Muszynski aus Gneisen, wo Glemp am 25. Mai 1956 zum Priester geweiht wurde.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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  • WO liegt denn bitte "infoportal" in Polen?????
    Den oben angegebenen Geburtsort des Primas' Glemp konnte ich weder auf der Landkarte noch bei Google finden.....!!!!!!!

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