Klare Kanzlerworte
Türkei setzt auf „Lokomotive Deutschland“

Das mit deutschem Kapital und Know-how gebaute Steinkohlekraftwerk, das er am Dienstag mit seinem türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan festlich in Iskanderun in Betrieb setzte, soll einen beträchtlichen Anteil des türkischen Strombedarfs decken. Aber nicht nur in ökonomischer Hinsicht setzt die Türkei auf Energie aus Deutschland.

HB ISTANBUL. Ankara vertraut auf die Bundesregierung vor allem als Vorreiter auf dem Weg in die Europäische Union - und wurde darin vom deutschen Kanzler nicht enttäuscht.

Sollte die Moral der Türkei durch den Besuch der skeptischen CDU-Chefin Angela Merkel eine Woche zuvor angekratzt worden sein, wischte Schröder jeden Zweifel an der Aufrichtigkeit der Unterstützung Deutschlands für den türkischen Beitrittswunsch vom Tisch. In den 40 Jahren, in denen Ankara eine Mitgliedschaft in Aussicht gestellt worden sei, „mag der eine oder andere gedacht haben, die Kriterien zu erfüllen, schaffen die ohnehin nie“, räumte Schröder vor deutschen und türkischen Unternehmern in Istanbul ein. Aber: „So kann man mit einem Volk, mit dem man befreundet ist, nicht umgehen!“, lautete seine Botschaft auch an die Opposition daheim.

Beeindruckt zeigte sich die türkische Presse vom „Kanzler-Wort“, das als Schlagzeile gleich auf mehreren Blättern prangte. „Spätestens im Juni 2005 geht es los“, frohlockte das Massenblatt „Hürriyet“ - voller Zuversicht, dass die EU-Staats- und Regierungschefs Ende des Jahres der Aufnahme von Verhandlungen zustimmen werden. Eine Einschätzung, die Schröder durchaus teilt. Sind doch alle 15 gleichermaßen verpflichtet, sich allein von der Erfüllung oder Nichterfüllung der dem EU-Kandidaten Türkei auferlegten Kriterien hinsichtlich Demokratie und Menschenrechten leiten zu lassen. „Draufgesattelt werden kann nicht und draufgesattelt werden wird nicht“, betonte Schröder.

Wobei der Kanzler durchaus Verständnis und Nachsicht dafür zeigte, dass es mit der Umsetzung der türkischen Reformen an der einen oder anderen Stelle noch hapert. „Reformprozesse sind leichter zu beschließen als zu implementieren“, so seine Feststellung, die natürlich nicht auf die eigenen Reformen zu Hause gemünzt sei, wie Schröder während seines Festvortrages vor den Unternehmern augenzwinkernd einwarf.

Trotz aller Zuversicht, die der Kanzler bei seinem zweitägigen Besuch in der Türkei verbreitete, versäumte er nicht den Hinweis, niemand solle damit rechnen, dass die Türkei nunmehr automatisch und über Nacht in die EU aufrücken werde. Dass dafür noch erhebliche Zeiträume zu veranschlagen sind, weiß die Türkei selbst am besten. Was Außenminister Abdullah Gül nicht von der beruhigenden Feststellung abhielt, in der EU werde jedes Land von einer Lokomotive gezogen. Für die Türkei sei Deutschland diese Lokomotive.

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