Jahrzehnte der Wirtschaftsblockade haben auf Kuba ihre Spuren hinterlassen – das Land droht, allmählich auszubluten. Doch die Insel bewegt sich: Fidel Castros Bruder, Raúl, bereitet das Land auf Veränderungen vor – mit leisen Tönen und zurückhaltenden Gesten. Doch auch er hat mit Widerständen zu kämpfen.
HAVANNA. Die Geier kreisen über dem Platz der Revolution in Havanna. Gut zwei Dutzend der großen Vögel mit nackten roten Hälsen breiten ihre Schwingen über dem politischen Zentrum der Hauptstadt aus, das den Charme sozialistischer Zweckbauten ausstrahlt. „Ich weiß auch nicht, warum sie sich ausgerechnet das Ehrenmal unseres Nationalhelden José Martí ausgesucht haben“, sagt Mercedes, meine Betreuerin vom Pressezentrum des Außenministeriums, das jedem ausländischen Journalisten eine solche Begleitung verordnet.
Wer denkt beim Anblick der Aasfresser nicht an den Zustand Kubas und des seit mehr als einem Jahr schwer kranken „Comandante en Jefe“, Fidel Castro? Ein kleiner Trost bleibt Mercedes: „Ornithologen sagen, es seien keine Geier, sondern nur verwandte Raubvögel.“ Na dann.
Mit einem Auftritt im kubanischen Fernsehen hat Fidel Ende vergangener Woche bewiesen, dass er noch lebt. Doch er wirkt schwach und gebrechlich. Makaber und fast subversiv komisch wirken in den Straßen Havannas Plakate, die den 81-Jährigen bejubeln: „Viva Fidel! Noch 80 Jahre mehr!“
In Deutschland ist man überzeugt: Es ändert sich nichts, solange Fidel lebt, und fast jede Reform wird möglich, wenn er stirbt. Beides ist falsch: Die Insel ist bereits in Bewegung gekommen, die seit fast 50 Jahren blockierte Gesellschaft könnte sich öffnen. Die oberste Staatsführung redet plötzlich Klartext über die miserable Lage und hat vorsichtige wirtschaftliche Reformen begonnen. Einige wenige Dissidenten sind freigelassen worden, und die totalitäre Mobilisierung der Bevölkerung durch ständige Massenversammlungen ist still und leise beendet worden.
Doch natürlich wirft Fidel, der die Amtsgeschäfte seinem Bruder Raúl übertragen hat, auch vom Krankenbett aus noch einen sehr langen Schatten und verhindert eine schnelle Liberalisierung des Landes. Die allerdings wird auch dann schwierig sein, wenn der starrsinnige alte Mann einmal nicht mehr ist. Denn an der Staatsspitze, steht nicht nur Raúl, der das Land auf wirtschaftliche Effizienz trimmen will. Andere wie der noch junge Außenminister Felipe Perez Roque folgen treu dem spartanisch-revolutionären Denken Fidels. „Taliban“ nennen die Kubaner diese vom Diktator geförderte junge Garde.
Ein Paradebeispiel des Talibanismus ist die Art, in der Perez Roque den Bericht zur „US-Blockade“ vorstellte, der diese Woche bei der Uno-Generalversammlung vorgelegt wird, an deren Rand sich auch erstmals wieder EU-Troika und Kubaner treffen. Vor der nationalen und internationalen Presse führte der Außenminister ein Tribunal auf. Er ließ Ingenieure, Ärzte und Biomediziner antanzen, um Zeugnis abzulegen von den verhängnisvollen Folgen der Blockade (siehe: „Piraten der Karibik“).
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