Klimagipfel
Tränen und Tumulte zu Beginn der entscheidenden Woche

Tausende standen in der Kälte, stundenlang – und wurden doch nicht vorgelassen: Für Klima-Aktivisten, Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter und Journalisten ist der Auftakt der zweiten Woche des Weltklimagipfels zu einer organisatorischen Katastrophe geworden. Es gab Tränen und Tumulte, in den Delegationen macht sich Enttäuschung breit.
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KOPENHAGEN. Es wird kälter und kälter, die Schlange vor dem Kongresszentrum wächst und wächst. Nach drei, vier und fünf Stunden sind einige der Wartenden der Verzweiflung nahe. Es fließen Tränen. Auch die Tomaten-Sandwiches, die eine Gruppe von Veganern verteilt, können die Stimmung kaum heben. Für einen heißen Kaffee würden viele der aus aller Welt angereisten Klima-Aktivisten, Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter und Journalisten sicher gerne stattliche Beträge bezahlen. Doch es gibt ihn nicht zu kaufen. Und es gibt nur höchst sporadisch eine Information über den Fortgang der Teilnehmerregistrierung, unwillig vorgetragen von einem der überforderten Mitglieder des Organisationsteams. Am Nachmittag ist allen klar: Der Auftakt der zweiten Woche des Weltklimagipfels in Kopenhagen ist zu einer organisatorischen Katastrophe geworden.

Als dann auch noch um kurz nach 17 Uhr eine Megaphon-Stimme erklingt und die Wartenden auffordert, kehrtzumachen, droht die Stimmung kurzzeitig zu kippen. Kleinere Tumulte entstehen, die Polizei greift ein. Aber auch energische „Let us in“-Sprechchöre können die Organisatoren nicht umstimmen. Es bleibt dabei: Tausende haben völlig vergebens zwischen der U-Bahn-Station und dem Eingang zum „Bella Center“ am Rande Kopenhagens in der Kälte gestanden. Sie werden nicht zur Weltklimakonferenz vorgelassen, bekommen keine Zugangsausweise – obwohl sie sich teilweise schon vor Monaten für den zweiwöchigen Gipfel angemeldet haben. Sie müssen am Dienstag einen neuen Anlauf machen.

Die organisatorischen Probleme sind mehr als nur ein Ärgernis am Rande. Sie bringen den Programmablauf gehörig durcheinander. Schon überlegt sich der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), ob er die für Dienstag geplante Veranstaltung mit BDI-Präsident Hans Peter Keitel, den Chefs von Eon und RWE, Wulf Bernotat und Jürgen Grossmann, sowie dem Chef des Zinkverarbeiters Grillo-Werke, Ulrich Grillo, überhaupt stattfinden lassen soll. Gemeinsam mit Bundesumweltminister Norbert Röttgen und Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung wollten die Manager über nachhaltige Unternehmensstrategien sprechen. Doch im Moment weiß niemand abzuschätzen, ob potenzielle Interessenten es überhaupt geschafft haben, die begehrte Zutrittsberechtigung für das Bella Center zu ergattern.

In den Delegationen macht sich Enttäuschung breit. Ein solches Chaos habe man allenfalls in einem Entwicklungsland erwartet, sagt einer, der schon viele Klimagipfel erlebt hat. Dänemark habe sich als Gastgeber für sämtliche Veranstaltungen mit mehr als 1 000 Teilnehmern disqualifiziert, merkt ein anderer sarkastisch an.

Mehr als 45 000 Teilnehmer haben sich für den Weltklimagipfel registriert. Viele davon kommen erst in der zweiten Woche, die an diesem Montag begonnen hat, nach Kopenhagen. Das gut 77 000 Quadratmeter große Messegelände fasst nur 15 000 Menschen. Gut die Hälfte der Teilnehmer sind Beobachter oder Umweltaktivisten. Da von ihnen jeweils nur ein Teil ins Bella Center vorgelassen wird, gibt es ein Quotensystem. Die Zahl der Delegierten beläuft sich auf 11 500, dazu kommen 3 800 Journalisten sowie Sicherheitsleute und anderes Personal. Bereits seit Ende November hatten die Organisatoren keine neuen Akkreditierungen mehr akzeptiert. Nach ihren Angaben reisten aber trotzdem zahlreiche Interessierte an, deren Anmeldung abgelehnt worden war. Dies verschärfe die Engpässe noch.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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