Klimaschutz
Die nukleare Renaissance

Die EU-Staaten suchen nach Lösungen, um die ehrgeizigen Vorgaben des Brüsseler Klimagipfels zu erfüllen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es keinen Königsweg geben wird: Vom Ausbau der Kernenergie bis zur Verbrennung von Holz und Torf scheint alles möglich.

PARIS. Ein Schloss, ein Strand, eine Kirche, ein Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege auf dem Dorfplatz: Flamanville sieht auf den ersten Blick wie jedes andere Provinznest an den langen Küsten Frankreichs aus. Doch der 1 600-Seelen-Ort am Ärmelkanal hat es in Frankreich zu landesweiter Berühmtheit gebracht. Der Name Flamanville steht für die Zukunft der französischen Nuklearindustrie. Hier soll ein hochmoderner Europäischer Druckwasserreaktor (EPR) entstehen. Der Energiekonzern Electricité de France (EdF) baut nach zehn Jahren Pause erstmals wieder ein Kernkraftwerk.

Die größte Atomnation Europas verspürt Rückenwind. Denn die Kernenergie, nach dem Unfall von Tschernobyl jahrzehntelang an den Pranger gestellt, gewinnt neuerdings an Ansehen. Dank Atomkraft stehe Frankreich im Kampf gegen die klimaschädlichen CO2-Emissionen viel besser da als andere Nationen, frohlockt der Pariser Finanzminister Thierry Breton: „Länder wie Frankreich, die vergleichsweise wenig Treibhausgase produzieren, haben einen Wettbewerbsvorteil.“

Diese Schlussfolgerung zieht Breton aus dem Klimabeschluss des EU-Gipfels vom Ende der vergangenen Woche. In Brüssel verständigten sich die 27 Staats- und Regierungschefs darauf, den Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch bis 2020 auf 20 Prozent zu erhöhen. Dieses Ziel formulierte die Gipfelrunde nur allgemein für die ganze EU. Wie viel die einzelnen EU-Staaten jeweils dazu beitragen, muss noch ausgehandelt werden. Dabei, so heißt es im Schlusskommuniqué des Gipfels, sei der nationale Energiemix zu berücksichtigen.

Aus französischer Sicht ist das eine feine Sache. „Die Atomenergie produzierenden Länder sind weniger gefordert“, titelte die Tageszeitung „Le Monde“. In Regierungskreisen ist schon von einem Strafnachlass für Frankreich die Rede, falls es das 20-Prozent-Ziel bis 2020 verfehlt. Denn davon ist auch Frankreich noch sehr weit entfernt. Der Anteil der erneuerbaren Energien beträgt im zweitgrößten Industriestaat Europas gerade einmal sechs Prozent des gesamten Energieverbrauchs, meist gewonnen aus Wasserkraft. Solaranlagen und Windräder haben in Frankreich Seltenheitswert, obwohl an den Küsten stets ein Lüftchen weht und der Süden des Landes mit dauerhaftem Sonnenschein gesegnet ist. Frankreich steht allerdings immer noch besser da als Deutschland, das nur auf einen Anteil von 4,8 Prozent bei den erneuerbaren Energien kommt.

Bei den erneuerbaren Energien müsse Frankreich jetzt „die Ärmel hochkrempeln, denn auf diesem Gebiet haben wir in den vergangenen Jahren keine Fortschritte gemacht“, fordert André Antolini, Präsident des Umweltverbandes Syndicat français des énergies renouvelables (SER). Die Mehrheit der Franzosen sieht das genauso. Im Land wächst die Angst vor den Folgen des Klimawandels. Die skibegeisterten Franzosen finden in den Alpen keinen Schnee mehr, die Landwirte plagen sich mit neuen Schädlingen, und der mediterrane Süden leidet zunehmend unter Hitze und Trockenheit.

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