Klimawandel
Die Millionen vergessener Flüchtlinge

Wenn es um Flüchtlinge geht, denken die meisten an Krieg und Terror. Doch weit mehr Menschen werden von Dürren, Fluten oder Stürmen vertrieben. Jährlich sollen es 20 Millionen sein. Warum der Westen sie ignoriert.

BerlinDie Straße in Nordvietnam wirkt fast endzeitlich: Ein Erdrutsch hat den Asphalt aufgerissen, ein Motorradfahrer bahnt sich seinen Weg durch Steine und Wasser. „Vietnam musste schon Zehntausende Menschen umsiedeln“, sagt Susanne Melde von der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Der steigende Wasserspiegel und die Bodenerosion raubten ihnen die Heimat. Es sind Zehntausende von vielen Millionen, die weltweit von Dürren, Fluten oder Stürmen vertrieben werden. Wissenschaftler sagen voraus: Der Klimawandel wird noch viel mehr Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen.

Klar, Wetterextreme gibt es auch ohne Treibhauseffekt. Forscher sind sich aber weitgehend einig, dass die Erderwärmung Hitzerekorde, lange Dürren, heftige Regenfälle und Stürme häufiger werden lässt. Steigende Meeresspiegel erhöhten etwa das Risiko von Hochwasser und Sturmfluten, erklärt Jacob Schewe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Schon seit den 80er Jahren gebe es mehr extreme Niederschläge, als ohne die Erwärmung der Atmosphäre zu erwarten wären. Dieser Trend werde sich „sehr wahrscheinlich fortsetzen“.

Schon jetzt ist die Situation dramatisch. Im Schnitt der vergangenen acht Jahre vertrieben Naturkatastrophen mehr als 20 Millionen Menschen jährlich aus ihrer Heimat. Die Zahlen des Internal Displacement Monitoring Centre umfassen nur die Umweltflüchtlinge, die innerhalb ihres Heimatlandes bleiben. Das seien aber die allermeisten, erklärt Melde. Alleine 2015 traf es 19,2 Millionen Menschen weltweit. Krieg und Gewalt wollten dagegen 8,6 Millionen sogenannte Binnenflüchtlinge entkommen, nicht einmal halb so viele.

Dass die von Hitze, Fluten oder Erdrutschen Vertriebenen meist in der Region oder jedenfalls im Land bleiben, könnte ein Grund dafür sein, dass bei Flucht trotzdem die meisten Menschen an Krieg und Terror denken. „Es geht nicht um Millionen Menschen, die nach Europa kommen“, sagt Melde. „Die Ärmsten sind nicht diejenigen, die migrieren. Sie haben kein Geld, den Bus zu nehmen oder ein Flugticket zu kaufen.“

Es gehe daher auch darum, den Blick von Deutschland und Europa auf die Welt zu richten, betont Melde. Viele der Menschen lebten jahrelang in Lagern oder verlören ihre Lebensgrundlage. „Was bei Umsiedlung sehr oft vergessen wird, ist, dass die Menschen ein Einkommen brauchen.“ So habe man in Vietnam ganze Fischerdörfer ins Inland verpflanzt, wo sie keinen Zugang zum Meer hatten.

Das weiß man auch in Bonn, wo gerade mal wieder Klimaverhandlungen laufen. Es geht um die Umsetzung des Zwei-Grad-Ziels von Paris. Weiter soll die Temperatur auf keinen Fall ansteigen. Mariam Traore Chazalnoel, die wie Melde bei der IOM arbeitet, kommt gerade von den Bonner Gesprächen. Bis 2008 habe sich mit Klima-Migranten niemand beschäftigt, sagt sie. „Seitdem ist das Interesse explodiert.“

Die Klimadiplomaten der Welt hätten das Thema auf dem Schirm, und Deutschland sei weit vorn mit dabei, sagt Chazalnoel. So wirbt etwa das Deutsche Rote Kreuz beim anstehenden Weltgipfel zur humanitären Hilfe in Istanbul dafür, besser gegen die Folgen von klimabedingten Naturkatastrophen vorzusorgen. Das Auswärtige Amt ist mit an Bord.

Was ist zu tun, damit Wetterextreme nicht immer mehr Menschen in die Flucht schlagen, weil sie ihre Lebensgrundlage verlieren? Agrarökonom Hermann Lotze-Campen von der Berliner Humboldt-Universität zählt ein Bündel von Maßnahmen auf: widerstandsfähige Sorten züchten, Böden schützen, Bewässerung verbessern, Versicherungen einführen, Marktrisiken streuen.

„Agrarforschung ist in meinen Augen ganz wichtig“, sagt Lotze-Campen. Das Thema zeige aber auch, wie wichtig es sei, lokales und globales Denken zu verknüpfen. „Natürlich müssen wir uns um kurzfristige, lokale Lösungen kümmern.“ Aber das Argument, dass sich statistisch der Zusammenhang von Klimawandel und einem aktuellen Wetterextrem nicht beweisen lasse, helfe nicht weiter. „Wenn wir dabei noch ein, zwei, drei Jahrzehnte bleiben, ist es zu spät.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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