Kolumbien
69 Euro für einen Mord

Ein junger Mann verlässt sein Haus und endet in einem Massengrab. Weil Kolumbiens Präsident seinen Soldaten Prämien für tote Rebellen zahlt, morden sie – oft wahllos. Doch die Empörung der Bevölkerung wächst und zwingt die Justiz zum Handeln. Mehr als tausend ermordete Zivilisten sind zu viel, um als zufällige Verwechslungen durchzugehen.

BOGOTÁ. Als Luz Marina Bernal zum ersten Mal von „falsos positivos“ hört, ist ihr Sohn neun Monate tot. Sie sieht fern, in den Abendnachrichten spricht der Verteidigungsminister, es geht um Menschen, die in Massengräbern gefunden wurden, ermordet von der kolumbianischen Armee, die es so aussehen lassen wollte, als hätte sie im Dienst fürs Vaterlands linke Guerilleros bekämpft.

„Ich gebe zu“, sagt der Minister, „dass es diese Hinrichtungen von Zivilisten gegeben hat.“ Und da beginnt Luz Marina Bernal zu verstehen. Vielleicht hatte sie es schon vorher gewusst, aber sie konnte, wollte es sich nicht vorstellen, weshalb ihr Sohn Fair Leonardo an jenem kalten Tag Anfang Januar so plötzlich verschwand – und nicht mehr wiederkam. Wegen ein paar Tausend Pesos und ein paar Tagen Urlaub.

„Er war leichte Beute“, sagt Luz Marina Bernal. Sie sitzt leicht vornübergebeugt, die Arme vor der Brust verschränkt, auf ihrer Couch. Eng ist ihr Haus, Wohnzimmer und Abstellkammer sind ein Raum. An Holzbalken, die das Wellblechdach stützen, hängen nackte Glühbirnen. Sie hat Zeitungsausschnitte, Kopien und Fotos ihres Sohnes wie einen Schutzwall um sich herum gelegt.

Fair Leonardo, 26, 1,75 Meter groß, kräftig, blaue Augen, seit der Geburt behindert, hatte die geistige Reife eines Neunjährigen. Er war zutraulich und freundlich zu jedem. Als Unbekannte kamen und ihm Geld und Arbeit versprachen, ging er mit und verließ Soacha, den Armenvorort von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Er zog mit ihnen in die Provinz Norte de Santander, 400 Kilometer entfernt, ein Bürgerkriegsgebiet.

Die Unbekannten, das weiß seine Mutter heute, waren Ex-Soldaten, die für alte Kameraden Nachschub besorgten. Sie haben Fair Leonardo erschossen, ihm eine Uniform angezogen und ihm ein Gewehr in die rechte Hand gelegt, obwohl er Linkshänder war. Sie verscharrten ihn in einem Massengrab und meldeten, einen Guerilla-Kommandeur im Kampf getötet zu haben.

Álvaro Uribe, der rechtskonservative Präsident des Landes, will den seit fast 40 Jahren schwelenden Bürgerkrieg beenden, in dem Linksrebellen gegen ultrarechte Paramilitärs und die Armee kämpfen. Früher ging es um soziale Gerechtigkeit, heute geht es um Macht: Die Rebellen wehren sich dagegen, dass ihnen die Regierung das lukrative Drogengeschäft kaputtmacht. Kolumbien produziert mehr als die Hälfte des weltweit verkauften Kokains.

Uribes Armee ist nicht zimperlich. Denn der Präsident zahlt gut für tote Guerilleros.

Fair Leonardo ist nur ein Opfer unter vielen. Allein in Soacha verschwinden Anfang 2008 13 Männer, 16 bis 32 Jahre alt, auch sie werden Monate später in Rebellenuniform in einem Massengrab gefunden.

Kolumbien ist an Skandale gewöhnt. Doch dieser weckt so viel Empörung, dass Armeechef Mario Montoya und 27 hochrangige Offiziere entlassen wurden. Allerdings hat Präsident Uribe seinen geschassten Armeechef mit dem Botschafterposten in der Dominikanischen Republik belohnt.

Die „Koordinationsgruppe Kolumbien-Europa-USA“, die mehrere Nichtregierungsorganisationen umfasst, hat errechnet, dass in den ersten fünf Jahren seit Uribes Amtsantritt im Jahr 2002 die Zahl unschuldig hingerichteter Zivilisten um zwei Drittel zunahm. Doch ihre Mahnungen drangen nicht durch, denn die Regierung feierte sich für immer neue Siege gegen die Guerilla.

Nun aber wird mehr als 400 Offizieren und Unteroffizieren der Prozess gemacht. Über tausend ermordete Zivilisten sind zu viele für eine zufällige Verwechslung.

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