Kolumbien
Betancourt zurück im Leben

Die Befreiung der Ingrid Betancourt gleicht einem Action-Thriller. Auch der erste Auftritt der einstigen kolumbianischen Präsidentschaftskandidatin nach mehr als sechs Jahren Geiselhaft erscheint erstaunlich eloquent. Man könnte fast meinen, es ist eine zu perfekte Inszenierung.

MEXIKO STADT. Es ist wenige Minuten nach 17 Uhr, als ein weißer Jet der kolumbianischen Streitkräfte auf der Luftwaffenbasis von Catam in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá landet. Als die Motoren still stehen, öffnet sich langsam die Tür, die Treppe wird hinunter gelassen, und in diesem Moment läuft über die Fernsehschirme der Welt die Bestätigung für eine Meldung, die sich nur Stunden zuvor wie ein Lauffeuer den Weg um den Globus gebahnt hatte: Ingrid Betancourt, Ex-Präsidentschaftskandidatin mit französischem und kolumbianischem Pass, und das prominenteste Opfer des absurden kolumbianischen Bürgerkriegs, ist frei.

Sechs Jahre und fast sechs Monate nach ihrer Verschleppung durch die Linksrebellen Farc auf einer Wahlkampfreise am 23. Februar 2002 macht die 46-Jährige erste zaghafte Schritte in die Freiheit. In einer Tarnweste des Militärs, einem ebensolchen Tropenhut und den für die Farc und ihre Geiseln so typischen schwarzen Gummistiefeln steigt sie aus dem Flieger und schließt ihre Mutter in die Arme, die als Erste an der Treppe wartet.

Yolanda Pulecio hat wie kein Anderer in all den Jahren für die Freilassung ihrer Tochter gekämpft. „Mein Leben habe ich nur noch der Befreiung Ingrids gewidmet“, sagte sie vor einem Jahr. Die beiden Frauen scheinen sich nicht mehr loslassen zu wollen.

Ingrid hat einen Rucksack geschultert, darin ein Lexikon, ein paar Briefe an ihre Mutter und persönliche Habseligkeiten. Sie lächelt – zunächst schüchtern, als könne sie selbst nicht glauben, was sie gerade erlebt. In diesem Bild steckt nicht nur das Ende einer persönlichen Tragödie, darin steckt auch die Hoffnung auf das glückliche Ende eines Konflikts zwischen Armee, Linksrebellen und ultra-rechten Todesschwadronen, der den Andenstaat seit fast 45 Jahren im Griff hält und dem Ingrid Betancourt als bekannteste Geisel ein Gesicht gegeben hat. Aber noch immer befinden sich Hunderte Menschen in der Geiselhaft von Rebellen und Paramilitärs.

Mit Betancourt gerettet werden drei US-Bürger sowie elf kolumbianische Soldaten und Militärs, die mitunter seit zehn Jahren in den Dschungelgefängnissen festgehalten wurden. Die Befreiung gleicht offenbar der eines Action-Thrillers.

Die 15 Geiseln sollten verlegt werden, wofür die Farc einen zivilen Helikopter anmietet. Bei der Besatzung des Hubschraubers handelt es sich aber um eingeschleuste Spezialeinheiten der Armee, wie Betancourt erzählt. Sie seien wie Rebellen gekleidet gewesen und hätte wie sie gesprochen. Erst als der Helikopter in der Luft ist, sagt einer der Soldaten: „Wir sind von der kolumbianischen Armee. Sie sind frei!“ „Wir haben geschrien, geweint und uns umarmt und beinahe den Hubschrauber zum Absturz gebracht“, schildert Betancourt später in einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Rollfeld. Kein Schuss sei gefallen.

Verglichen mit den letzten Bildern, einem Video vom November 2007, auf dem Betancourt wie erloschen aussieht, gezeichnet von Krankheit und Depression, ist sie voller Leben und bei Kräften: das Gesicht rund, die Haare zu einem Zopf geflochten und um die Stirn gebunden. Sie bekreuzigt sich, winkt, lächelt, und ohne Unterlass reicht ihr jemand ein Mobiltelefon, während die elf Soldaten und Polizisten zunächst jeder ein paar knappe Worte in die Mikrofone sagen müssen. Man könnte fast meinen, es ist eine zu perfekte Inszenierung.

Ingrid ist die letzte, die spricht. Sie redet zwölf Minuten und beantwortet anschließend noch fast eine halbe Stunde die Fragen von Journalisten: Zum Zustand der Farc, zu Präsident Álvaro Uribe, zu ihrem Martyrium. Sie spricht eloquent, emotional und ehrlich und scheint schon wieder ganz die engagierte Politikerin, als die sie ihre Landsleute kennen.

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