Kolumbien
Sechs Jahre auf sechs Quadratmetern

2 222 Tage dauerte seine Entführung, nun ist er ein halbes Jahr im Amt. Kolumbiens Außenminister Araújo ist ein Symbol der Freiheit im Land der Verschleppungen. Seit über 40 Jahren tobt ein Bürgerkrieg in Kolumbien und versetzt die Bevölkerung in Angst und Schrecken.

BOGOTA Für Fernando Araújo beginnt jeder Tag mitten in der Nacht. Früh um vier Uhr steht er auf, streift sich sein Sportzeug über und beginnt zu laufen, so weit die Füße tragen. Derzeit rund 18 Kilometer. Es ist eine Angewohnheit, die Araújo nicht mehr los wird. Eine Strategie, die dem kolumbianischen Außenminister in Fleisch und Blut übergegangen ist. „Sport ist für mich nicht so sehr die Idee, gegen andere anzutreten“, sagt er, „sondern gegen mich selbst.“

Das Büro des Ministers ist geräumig und holzvertäfelt. Rechts blickt er auf einen Wintergarten mit grünen Pflanzen, links in einen hellen Innenhof mit maurischen Säulen. Araújo nimmt unter einem großen Porträt von Simon Bolívar Platz, dem Freiheitskämpfer und Befreier des nördlichen Südamerika. Wie Bolívar ist Araújo dunkelhaarig, von kleiner Statur, drahtig und asketisch, und wie Bolívar hat er sich seine Freiheit hart erkämpfen müssen. „In den 2 217 Tagen meiner Gefangenschaft bin ich jeden Morgen um vier Uhr aufgestanden und habe zwei Stunden Sport gemacht.“

Denn Araújo ist buchstäblich aus dem Dschungel gekommen, wo ihn die Farc sechs lange Jahre gefangen hielt. Seit gestern ist der 51-jährige Jurist ein halbes Jahr im Amt. Seine Ernennung war mehr als nur ein politischer Akt. Sie steht für die Befreiung von den Fesseln der Gewalt, der Verschleppung, die in Bolivien nahezu alltäglich ist.

In seinem Urwaldgefängnis in den Bergen nahe der kolumbianischen Karibikküste hatte Fernando Araújo gerade mal sechs Quadratmeter zum Leben. Eine Hängematte, ein Erdloch als Toilette und bis zu zwölf waffenstarrende Guerilleros, die ihm nicht von der Seite weichen, bestimmen sein Leben. Araújo, der bekannte Politiker, war den Rebellen der Linksguerilla Farc, der größten und ältesten Rebellengruppe Lateinamerikas, in die Hände gefallen.

„In den ersten Monaten hatte ich überhaupt keinen Kontakt zur Außenwelt, ich hatte kein Radio, keine Zeitung, nichts.“ Araújo verordnet sich ein tägliches Sportprogramm. Noch bevor der Morgen graut, stellt er sich neben die Hängematte und macht Kniebeugen, hüpft auf der Stelle, dann Liegestütze. Zwei Stunden lang. In der Abenddämmerung das gleiche Programm. Dazwischen unendliche Langeweile, Gedanken an den Tod, die Familie, die Flucht. Denn der Sport ist nicht nur Übung für die Seele. „Ich hatte immer Pläne zu fliehen“, sagt Araújo.

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