Kommentar
Arabischer Frühling, türkischer Winter

Der türkische Ministerpräsident Erdogan nutzt das Machtvakuum nach dem arabischen Frühling und arbeitet an einer Wiederbelebung osmanischer Großpolitik. Selbst Landsleute sprechen da von Größenwahn.
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Wenn die Katze müde wird, recken sich die Mäuse. Obamas Amerika zieht sich langsam aus Mittelost zurück; die Sechste Flotte, die das Mittelmeer mit bis zu 40 Schiffen zu patrouillieren pflegte, besteht im neuen Normalzustand aus genau einem Schiff, einer Kommandozentrale (im Libyen-Krieg wurde sie verstärkt). Die muskelstrotzende Maus, die sich nun als Katze geriert, ist Recep Tayyip Erdogan, Ministerpräsident der Türkei.

Stellen wir uns vor, die Sechste Flotte würde in alter Stärke im östlichen Mittelmeer kreuzen. Hätte das Nato-Mitglied Türkei einem anderen Verbündeten der USA - Israel - mit Krieg gedroht? Mit einer Flottille, welche die israelische Blockade des Gaza-Streifens durchbrechen werde? Das wäre eine Herausforderung gewesen, die selbst das Säbelrasseln eines Wilhelm Zwo übertrumpft hätte. Aber Obama schweigt und beschwichtigt.

Freundlicherweise ist Erdogans Realitätssinn schärfer als seine Rhetorik. Denn er weiß dreierlei: Die Vereinten Nationen haben die Blockade gerade für rechtens erklärt. "Unangemessen" war bloß der Gewalteinsatz der Israelis auf der Mavi Marmara 2010, der neun Türken das Leben kostete. Folglich wäre der Blockade-Bruch eine illegale Kriegshandlung. Drittens würde die israelische Luftwaffe, größer als die deutsche, die türkischen Schiffe vor der eigenen Küste mühelos versenken.

Aber es geht hier nicht um Badewannen-Strategie. Es geht um einen Erdogan, der seinen Landsleuten in Deutschland 2008 zurief, Assimilierung sei ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Und um einen Mann, der seinen unbändigen Machtwillen mit einem Hang zur Provokation und einem feinen Instinkt für Gelegenheiten verknüpft. Die Amerikaner sind erschöpft, die Europäer mit ihrer eigenen Wirtschaftskrise beschäftigt. Arabische Regime stürzen oder wackeln, und Israel gerät gerade deswegen in Bedrängnis. Denn der ehemalige ägyptische Präsident Hosni Mubarak, der Garant eines dreißigjährigen Friedens, kämpft um sein Leben, und das Militärregime sieht zu, wie ein islamistisch inspirierter Mob die israelische Botschaft in Kairo stürmt.

Die Türkei, früher ein Pfeiler der Nato und ein strategischer Partner Israels, ist heute weder noch. Mal konterkariert Erdogan Sanktionen gegen Iran, mal schmiedet er eine Achse mit dem Damaszener Diktator. Und plötzlich der abrupte Schwenk: weg von Assad, hin zum Regimewechsel in Syrien. Einst rief sein Außenminister eine Politik der "null Probleme" aus, neuerdings versucht Ankara, die Nachbarn Bulgarien und Zypern einzuschüchtern und Stützpunkte im Nordirak einzurichten.

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Die türkische Presse spricht von Größenwahn

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  • Josef Joffe, lassen Sie mich raten...Sie sind Jude...Ein Schelm wer da böses denkt! Sie disqualifizieren sich mit Ihrer Parteinahme...

  • *** applaus ***....

  • Der Artikel von Herrn Joffe ist einfach nur schlecht!!! Da findet man keine anderen Worte. Aber von so einen Journalisten wie Josef Joffe hätte man auch nicht was anderes erwarten können. Na ja, vielleicht lag es auch an dem mosaischen Hintergrund von Herrn Joffe, dass er den Artikel nicht objektiv geschrieben hat...

    PS: Liebes Handelsblatt-Team, Ihr solltet Euch lieber um "richtge" Wirtschafts- und Finanzthemen kümmern, statt dass Ihr Euch von solchen drittklassigen Journalisten politische Artikel schreiben zu lasst.

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