Kommentar
„Das Projekt Euro krankt an der Politik“

Der Weg in die ökonomische Hölle ist immer mit guten politischen Absichten gepflastert. Das ist der Kern der Euro-Krise. Denn das Projekt Euro krankt an der Politik.

DüsseldorfEs ist schon alles gesagt worden über den Euro. Von allen. Und mehrfach. Was bleibt also, zumal niemand weiß, ob und wie die Währung gerettet werden kann? Eine Lehre, und zwar für die Zukunft, lässt sich heute schon ziehen. Auf Englisch lautet sie knapp und prägnant: "Bad economics makes bad policy." Etwas weitschweifiger: Wer die Gesetze der Wirtschaft missachtet, wird auch mit den besten politischen Absichten scheitern.

Der Euro war immer ein politisches Projekt, auch wenn er reichlich ökonomischen Gewinn versprach. Er würde den Aufwertungsdruck von der D-Mark nehmen, deutsche Exporte sichern, eine Gegenwährung zum Dollar aufbauen. Aber vergessen wir nicht, wann sich die Vorläufer zum Euro mauserten. Dieser Autor hat den Moment in einer (fiktiven) Filmszene festgehalten - nachzulesen in "The Euro: The Engine That Couldn't" im "New York Review of Books" vom 4. 12. 1997: "Es ist März 1990, Helmut Kohl und François Mitterrand sitzen zusammen im Elysée-Palast. Mitterrand ist melancholisch. Seit dem Fall der Mauer hat er alles versucht, um die Wiedervereinigung zu stoppen oder zu bremsen, aber vergebens. Mürrisch starrt er ins Kaminfeuer, derweil sein Freund Helmut ihm gut zuredet. "François, heute ist nicht 1871, als das neue Reich auf den Trümmern des französischen Stolzes errichtet wurde. Heute haben wir die Freundschaft, die Europäische Union, eine komplett in der Nato integrierte Bundeswehr. Heute ist weder 1914 noch 1939. Meine Landsleute wienern ihre BMWs, nicht ihre Knobelbecher." Mitterrand starrt schier endlos ins Feuer. Dann bricht es aus ihm heraus: "Bon, Helmut, wir machen es so: Du kriegst das ganze Deutschland, ich kriege die halbe D-Mark." Ende der Szene.

Der Euro ist also eine politische Währung. Die D-Mark war Abbild der wirtschaftlichen Vorherrschaft der Deutschen, und jetzt fielen auch noch die Fesseln der Teilung. Wie die Nachbarn beruhigen, wenn nicht mit noch mehr Integration, mit einem deutschen Gulliver, der sich selber die Stricke anlegt? Ganz so selbstlos war Kohl natürlich nicht. Der Euro sollte eine größere D-Mark sein - mit einer EZB, die so unabhängig und inflationsallergisch wäre wie die Bundesbank, mit einem Stabilitätspakt, der am deutschen Fiskal- und Finanzwesen die ganze EU genesen ließe.

Es half nichts, dass damals so viele Ökonomen wider den Euro löckten, mit dem Nobelpreisträger Robert Mundell über den "optimalen Währungsraum" räsonierten, welcher die Euro-Zone nicht sei. Dass die Pflicht zur Konvergenz nicht greifen würde (siehe Italien, jetzt alle PIIGS). Dass der Euro - so die Metapher im "Review" - einem Zug aus lauter zusammengekoppelten Lokomotiven glich, wo jeder (nationale) Führer nach Gutdünken heizen konnte. Ergo: Die Kupplungen brechen, oder der Euro-Express entgleist.

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