Kommentar
Der EZB fehlt ein Gralshüter

Jörg Asmussen soll Jürgen Stark als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank beerben. Damit kommt ein weiterer Pragmatiker dorthin, wo jetzt Dogmatiker gefragt sind. Ein Plädoyer für Stabilität.
  • 39

Düsseldorf„Aus persönlichen Gründen ... “ ist Jürgen Stark aus seinem Direktorenamt in der Europäischen Zentralbank zurückgetreten. Aus persönlichen Gründen hatte sich zuvor Axel Weber aus dem gleichen Gremium verabschiedet. Und aus persönlichen Gründen hat damals auch Horst Köhler sein Bundespräsidentenamt niedergelegt.

Die drei Genannten haben alle keinen persönlichen Schicksalsschlag hinnehmen müssen, der sie über ihr Amt und ihr Leben nachdenken ließ. Allen dreien ist vielmehr etwas widerfahren, das sie daran zweifeln ließ, ihrer Aufgabe, so wie sie sie verstanden haben, länger gerecht zu werden.

Der eine, Horst Köhler, musste ein Gesetz unterschreiben, das zum ersten Mal Deutsche dazu verpflichtete, für Schulden aufzukommen, die andere Europäer gemacht haben. Er unterschrieb, weil ihm jedes Veto als Verrat an der europäischen Sache ausgelegt worden wäre. Dieses eine Mal schluckte er seinen Ärgern noch hinunter. Doch beim nächsten Anlass, als er sich in der Afghanistandebatte falsch verstanden fühlte, trat er zurück.

Der zweite, der damalige Bundesbankpräsident und designierte Nachfolger Jean Claude Trichets an der Spitze der Europäischen Zentralbank, Axel Weber, hatte aus seiner Kritik am Staatsanleihenkauf der Zentralbank nie ein Hehl gemacht. Als er sah, dass der Kauf dahin führte, wovor er gewarnt hatte, nämlich in eine desolate Verschuldung und zur Instabilität der Währung, nahm er seinen Hut.

Der dritte, Jürgen Stark, erlebte vergangene Woche sein Waterloo: Erst das Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts, das alle Ausgaben der Deutschen für Europa unter den Vorbehalt der Zustimmung des Parlaments stellte. Gleichzeitig aber musste er feststellen, dass die EZB munter Staatsanleihen von Schuldnerländern mit dem Geld der Deutschen kauft, ohne dass irgendein Parlamentarier etwas dazu zu sagen hat. Der Eimer hat zwei Löcher, musste sich Stark sagen.

Am Donnerstag dann nahm Stark an einer EZB-Ratssitzung teil, bei der sein Präsident in Aussicht stellte, dass wegen der desolaten Konjunkturlage in EU-Europa die Zinsen nicht wie angekündigt steigen, sondern eher sinken werden. Das war zuviel für den deutschen Geldpolitiker und er verließ die Bühne.

Kommentare zu " Kommentar: Der EZB fehlt ein Gralshüter"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Solange sich Köhler nicht persönlich und öffentlich äußert, wird es Spekulation bleiben.

    Allerdings hab ich damals bei der Begründung ungläubig gedacht, ob das alles gewesen sein kann und ich denke, da bin ich mit der Mehrheit hier im Lande in einer Gesellschaft.

    Mit Mehrheit meine ich die Mehrheit der politisch Interessierten. Der Rest hat sicher keine Meinung dazu. Die werden sich erst aufregen, wenn die Kiste Hansa Pils 50 Euro kostet.

    Der Geldautomat spuckt schon verstärkt 100 Euroscheine raus. Grün wie die Hoffnung. Leider trotzdem ein schlechtes Zeichen.

  • Falsch! Wenn die EZB anfängt Dinge zu beschließen, die völlig gegen Verträge und Versprechen verstoßen, dann ist es aus moralischer Sicht geboten das nicht einfach mitzumachen, sondern durch seinen Rücktritt den Protest zu äußern. Herr Stark hat sich moralisch absolut richtig verhalten.

    Es wird auch die Zeit kommen, in der diejenigen, die jetzt Verträge und Gesetze brechen, sich auf der Anklagebank wiederfinden werden. Auch hier sorgt Herr Stark klugerweise vor.

  • Es auch ganz egal wen wir da hinschicken. Die PIGS+Frankreich haben im EZB-Rat ohnehin die Mehrheit.

    Neben Frankreich hat Portugal, Spanien und Italien eine Stimme im EZB-Rat (insgesamt 6 Stimmen). Und das sind dann 4 Ja-Stimmen bei zwei Gegenstimmen, bei jeder Entscheidung neue Schrottanleihen der PIGS zu kaufen und deren marode Haushalte und franz. Banken mit der Notenpresse zu stützen.

    Diese Inflation wird den Karren immer weiter in den Dreck fahren. Die EZB ist schon jetzt die größte Bad Bank der Welt.

    Das uns Deutschen vor dem Euro etwas ganz anders versprochen wurde, nämlich Geldwertstabilität, interessiert außer Herrn Stark niemanden in der EZB.

    Der einzige Ausweg ist der Austritt aus der Eurozone.

    Begründung: Alle Versprechen, Verträge, Regeln und Gesetze wurden gebrochen!

    Eine Eurozone die Faulheit und Schmarotzertum belohnt und Fleiß und Sparmsamkeit bestraft, wird sich nicht mehr lange (auch nicht durch Gesetzes- und Vertragsverstöße) halten lassen. The game is up.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%