Kommentar

Der EZB fehlt ein Gralshüter

Jörg Asmussen soll Jürgen Stark als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank beerben. Damit kommt ein weiterer Pragmatiker dorthin, wo jetzt Dogmatiker gefragt sind. Ein Plädoyer für Stabilität.
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Jürgen Stark, Noch-Chefvolkswirt der EZB. Quelle: AFP

Jürgen Stark, Noch-Chefvolkswirt der EZB.

(Foto: AFP)

Düsseldorf„Aus persönlichen Gründen ... “ ist Jürgen Stark aus seinem Direktorenamt in der Europäischen Zentralbank zurückgetreten. Aus persönlichen Gründen hatte sich zuvor Axel Weber aus dem gleichen Gremium verabschiedet. Und aus persönlichen Gründen hat damals auch Horst Köhler sein Bundespräsidentenamt niedergelegt.

Die drei Genannten haben alle keinen persönlichen Schicksalsschlag hinnehmen müssen, der sie über ihr Amt und ihr Leben nachdenken ließ. Allen dreien ist vielmehr etwas widerfahren, das sie daran zweifeln ließ, ihrer Aufgabe, so wie sie sie verstanden haben, länger gerecht zu werden.

Der eine, Horst Köhler, musste ein Gesetz unterschreiben, das zum ersten Mal Deutsche dazu verpflichtete, für Schulden aufzukommen, die andere Europäer gemacht haben. Er unterschrieb, weil ihm jedes Veto als Verrat an der europäischen Sache ausgelegt worden wäre. Dieses eine Mal schluckte er seinen Ärgern noch hinunter. Doch beim nächsten Anlass, als er sich in der Afghanistandebatte falsch verstanden fühlte, trat er zurück.

Der zweite, der damalige Bundesbankpräsident und designierte Nachfolger Jean Claude Trichets an der Spitze der Europäischen Zentralbank, Axel Weber, hatte aus seiner Kritik am Staatsanleihenkauf der Zentralbank nie ein Hehl gemacht. Als er sah, dass der Kauf dahin führte, wovor er gewarnt hatte, nämlich in eine desolate Verschuldung und zur Instabilität der Währung, nahm er seinen Hut.

Der dritte, Jürgen Stark, erlebte vergangene Woche sein Waterloo: Erst das Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts, das alle Ausgaben der Deutschen für Europa unter den Vorbehalt der Zustimmung des Parlaments stellte. Gleichzeitig aber musste er feststellen, dass die EZB munter Staatsanleihen von Schuldnerländern mit dem Geld der Deutschen kauft, ohne dass irgendein Parlamentarier etwas dazu zu sagen hat. Der Eimer hat zwei Löcher, musste sich Stark sagen.

Am Donnerstag dann nahm Stark an einer EZB-Ratssitzung teil, bei der sein Präsident in Aussicht stellte, dass wegen der desolaten Konjunkturlage in EU-Europa die Zinsen nicht wie angekündigt steigen, sondern eher sinken werden. Das war zuviel für den deutschen Geldpolitiker und er verließ die Bühne.

Wer sind die wahren Verräter an der europäischen Sache?
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39 Kommentare zu "Kommentar: Der EZB fehlt ein Gralshüter"

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  • Solange sich Köhler nicht persönlich und öffentlich äußert, wird es Spekulation bleiben.

    Allerdings hab ich damals bei der Begründung ungläubig gedacht, ob das alles gewesen sein kann und ich denke, da bin ich mit der Mehrheit hier im Lande in einer Gesellschaft.

    Mit Mehrheit meine ich die Mehrheit der politisch Interessierten. Der Rest hat sicher keine Meinung dazu. Die werden sich erst aufregen, wenn die Kiste Hansa Pils 50 Euro kostet.

    Der Geldautomat spuckt schon verstärkt 100 Euroscheine raus. Grün wie die Hoffnung. Leider trotzdem ein schlechtes Zeichen.

  • Falsch! Wenn die EZB anfängt Dinge zu beschließen, die völlig gegen Verträge und Versprechen verstoßen, dann ist es aus moralischer Sicht geboten das nicht einfach mitzumachen, sondern durch seinen Rücktritt den Protest zu äußern. Herr Stark hat sich moralisch absolut richtig verhalten.

    Es wird auch die Zeit kommen, in der diejenigen, die jetzt Verträge und Gesetze brechen, sich auf der Anklagebank wiederfinden werden. Auch hier sorgt Herr Stark klugerweise vor.

  • Es auch ganz egal wen wir da hinschicken. Die PIGS+Frankreich haben im EZB-Rat ohnehin die Mehrheit.

    Neben Frankreich hat Portugal, Spanien und Italien eine Stimme im EZB-Rat (insgesamt 6 Stimmen). Und das sind dann 4 Ja-Stimmen bei zwei Gegenstimmen, bei jeder Entscheidung neue Schrottanleihen der PIGS zu kaufen und deren marode Haushalte und franz. Banken mit der Notenpresse zu stützen.

    Diese Inflation wird den Karren immer weiter in den Dreck fahren. Die EZB ist schon jetzt die größte Bad Bank der Welt.

    Das uns Deutschen vor dem Euro etwas ganz anders versprochen wurde, nämlich Geldwertstabilität, interessiert außer Herrn Stark niemanden in der EZB.

    Der einzige Ausweg ist der Austritt aus der Eurozone.

    Begründung: Alle Versprechen, Verträge, Regeln und Gesetze wurden gebrochen!

    Eine Eurozone die Faulheit und Schmarotzertum belohnt und Fleiß und Sparmsamkeit bestraft, wird sich nicht mehr lange (auch nicht durch Gesetzes- und Vertragsverstöße) halten lassen. The game is up.

  • Sinn,
    man kann von ihm halten was man will aber wenn die EZB auch nur einen Hauch vom Renommee der Bundebank haben will, dann haben wir im Augenblick nur Hans Werner Sinn zu bieten.

    Asmussen, mag ein netter Kerl sein und ein guter Taktiker, was weiss ich aber es geht um das Renommee der EZB. Will sie einen Hauch Bundesbank, dann muss sie an gewichtiger Stelle einen haben den die Welt als sturen verfechter deren Tugenden betrachtet.

    Mir fällt da kein anderer Name ein und Ihnen?

  • @HJTafelmeier

    Hier geht es nicht um belanglose Meinungen. Her Stark sollte gezwungen werden, den gesetzwidrigen Umbau des Euro in die Lira zu verkaufen, denn das war sein Job als Chefvolkswirt. Rücktritt ist die einzig mögliche Konsequenz sich nicht mitschuldig an den kriminellen Machenschaften zu machen.

  • Wer lauthals nach einem Gralshüter ruft, sollte auch sagen, wen er damit im Auge hat. Es ist zu billig, nach Lösungen zu rufen, ohne eine anzubieten. Das ist sonst nicht mehr als das heute so beliebte Blabla-Geplabber. Der unverantwortliche Faux-pas von Jürgen Stark ist, dass er ausgerechnet jetzt, wo sich die Lage dramatisch zuspitzt, sich wohl auch aus enttäuschter Eitelkeit davon macht. Neben der Sachkompetenz braucht es in Spitzenpositionen auch Menschliche Größe und Fingerspitzengefühl. Davon hat Stark nichts gezeigt.

  • "Deshalb rauf mit den Löhnen, Renten und Sozialleistungen, denn nur das kann uns vor einer dramatischen Rezession noch retten."

    Richtig und Falsch. Was Sie nicht begreifen ist, dass die Währung sich völlig neutral zu verhalten und nicht das Mittel sein darf, um politische Ziele durchzusetzen. Dass Deutschland seit Jahren unterfinanziert ist und möglicherweise nicht nur die Besitzverhältnisse auf Zeit (=Schulden) geändert werden, sondern die Eigentumsverhältnisse neu justiert werden müssen, also die notwendigen politischen Auseinandersetzungen die anstehen (z.B. zur Erreichung ihrer Ziele), dazu zwingt ein blitzblanker Spiegel, wie die DM einer war. Alles in einer betrügerischen Geldpolitik zu vertuschen bringt uns jahrelanges Siechtum wie in Japan und endet notwendigerweise wie Weimar, dass heisst, der kleine Mann zahlt die Zeche. Geld drucken und ungedeckte Kredite können keinen Wohlstand schaffen!

  • @ Popper: Mit plattem Vulgärmarxismus kommen wir auch nicht weiter. Natürlich muss man die Schuldenspirale sofort stoppen und die EZB wieder auf Maastricht-Kurs bringen, sonst zerbricht die EU. Die derzeitigen Subventionen subventionieren die kranken Systeme und Strukturen, nicht die Unternehmen und damit die arbeitende Bevölkerung. Und weil das Geld an der Bevölkerung vorbeifließt, gehen Griechen, Spanier etc. ganz zu Recht auf die STraße. Ihnen ist durch ein noch-mehr-Desselben nicht geholfen, sonst hetzen wir die Völker gegeneinander, denn die griechischen Bürger halten die Deutschen mit ihren völlig gerechtfertigten Sparforderungen und nicht etwa ihre eigene korrupte Bürokratie für den Kern des Übels usw. Die teilweise rassistischen Äußerungen auf den Foren und in der internationalen Presse - bis hinein in die sonst seriösen Medien - sprechen eine deutliche Sprache. Wir brauchen neue Wege jenseits linker und rechter Plattkopfideologien. Die ursprünglich gute Idee von einem vereinten Euro wird durch das weiter-so endgültig an die Wand gefahren.

  • Wir mopsen anderen die Arbeitsplätze? Das schaffen wir in Deutschland schon selbst ab und ersetzen sie durch Dumpingarbeitsplätze, Leiharbeit Minijobs etc. Sehen Sie, da liegt ihr großes Missverständnis. Sie glauben, wenn alle Länder ihre eigene Geldpolitik haben, dann klappt's. Das ist leider grotesk falsch. Makroökonomisch hängt nämlich alles mit allem zusammen. Glauben Sie wirklich, dass der Austritt der Südländer aus dem Euro die Lage zum Guten wendet? Dann erklären Sie das einmal. Haben Sie nicht in den letzten Wochen erlebt, wie der Schweizer Franken durch die Decke geschossen ist, und die Schweiz ist nicht in der Eurozone. Und Übrigens, wenn wir den anderen die Arbeitsplätze mopsen, wer kauft dann noch unsere Waren? Die Marsmännchen oder Sie vielleicht.

  • Stark sollte Anhänger sammeln und eine Partei gründen. Für mich als Sparer wäre das die einzig noch wählbare Partei! So denken vermutlich viele Betrogene einer verlogenen EZB Politik. Rechtsbrecher regieren leider derzeit die EZB und werden von den Staatsregierungen gedeckt.

    Die EZB ist zur Prostituierten der Finanzpolitik verkommen! Pfui Teutel!

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