Kommentar
Der Grußaugust für den Westen tritt ab

Russlands vermeintlich liberaler Präsident Medwedjew hat seinem Vorgänger Wladimir Putin sein Amt angeboten – und sich so als dessen Marionette geoutet. Die Modernisierung ist damit endgültig gescheitert.
  • 43

MoskauAm Samstag um 13.28 Uhr Ortszeit steht endlich fest, was die Russen lange Zeit erwartet hatten: Wladimir Putin, derzeit im Amt des Regierungschefs geparkt, wird sein Land ab nächstem Frühjahr für wenigstens sechs weitere Jahre als Präsident regieren. Keine fünf Minuten ist die Nachricht raus, da erreicht mich die erste SMS: „Scheiße, ich muss auswandern“, schreibt meine russische Bekannte. Ein Freund wird am Nachmittag ähnliche Worte wählen, um mit spontanem Unmut auf die Personalie Putin zu reagieren.

Meine russischen Freunde sind um die 30 und halbwegs repräsentativ für die junge Moskauer Elite: Weltoffen, gut ausgebildet, in Fremdsprachen versiert und westlich orientiert. Sie teilten lange die Illusion, dass Russland auf dem Weg zur Modernisierung sei und Kremlchef Dmitrij Medwedjew das Land wirklich öffnen, die Wirtschaft privatisieren und liberalisieren will. Am Samstag wurden die letzten wackeren Optimisten dieser Illusion beraubt.

Putins Kandidatur an sich ist nicht die Überraschung. Seit Monaten tritt der 58-Jährige auf, als stecke er im Wahlkampf. Dass ihn ausgerechnet Amtsinhaber Medwedjew als Nachfolger vorschlägt, ist eine Bankrotterklärung für den vermeintlich liberalen Präsidenten und zieht dessen Modernisierungspolitik in Zweifel.

Lange Zeit schien es, als ob Medwedjew und Putin unterschiedliche politische Prioritäten setzten: Putin will Politik und Wirtschaft von oben herab steuern, das Land auf Knopfdruck regieren und nichts dem Zufall überlassen. Medwedjew forderte dagegen mehr Wettbewerb, Dezentralisierung und Entstaatlichung. Die spielerische Rochade hinter den Kremlmauern zeigt, dass Personen sogar im höchsten Amt des Staates austauschbar sind und Medwedjews Modernisierungsrhetorik bloß taktisches Gerede war.

Seite 1:

Der Grußaugust für den Westen tritt ab

Seite 2:

Medwedjew war liberales Maskottchen

Kommentare zu " Kommentar: Der Grußaugust für den Westen tritt ab"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Also ich denke, da wird sich Merkel sicher freuen, der einstige sozialistische Freund aus DDR-Tagen kommt wieder an die Macht.
    Schließlich war Putin lagne Zeit für den KGB in der DDR. Man kennt sich also sicher gut.
    Und das Vorbild Russlands, der gelenkten Demokratie von Putin liegt ja der Merkel
    Warten wir es also ab

  • Ja, das dachte ich au und es kam bei mir schon Freude auf.
    Ab re das wird Türken-Wulff nicht tun, er hat sich mittlerweile gut eingerichtet am prall gefüllten Fleischtopf

  • Wenn auf dem Markt nur Wodka und Kartoffeln angeboten werden dürfen und alle Abieter anderer Waren in den GULAG wandern, dann muß man sich nicht wundern, wenn die Leute nichts anders tun, als Bartkartofflen oder russichen Reibekuchen zu verzehren und sich zu besaufen.
    Ihre "Argumente" gehören in die Rubrik "Russische Märchen" für die ganz Dummen. Sie sind ein frecher Systemlügner, ein sittenoser Neostalinst!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%