Kommentar

Der Grußaugust für den Westen tritt ab

Russlands vermeintlich liberaler Präsident Medwedjew hat seinem Vorgänger Wladimir Putin sein Amt angeboten – und sich so als dessen Marionette geoutet. Die Modernisierung ist damit endgültig gescheitert.
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Putin soll wieder Präsident werden

MoskauAm Samstag um 13.28 Uhr Ortszeit steht endlich fest, was die Russen lange Zeit erwartet hatten: Wladimir Putin, derzeit im Amt des Regierungschefs geparkt, wird sein Land ab nächstem Frühjahr für wenigstens sechs weitere Jahre als Präsident regieren. Keine fünf Minuten ist die Nachricht raus, da erreicht mich die erste SMS: „Scheiße, ich muss auswandern“, schreibt meine russische Bekannte. Ein Freund wird am Nachmittag ähnliche Worte wählen, um mit spontanem Unmut auf die Personalie Putin zu reagieren.

Meine russischen Freunde sind um die 30 und halbwegs repräsentativ für die junge Moskauer Elite: Weltoffen, gut ausgebildet, in Fremdsprachen versiert und westlich orientiert. Sie teilten lange die Illusion, dass Russland auf dem Weg zur Modernisierung sei und Kremlchef Dmitrij Medwedjew das Land wirklich öffnen, die Wirtschaft privatisieren und liberalisieren will. Am Samstag wurden die letzten wackeren Optimisten dieser Illusion beraubt.

Putins Kandidatur an sich ist nicht die Überraschung. Seit Monaten tritt der 58-Jährige auf, als stecke er im Wahlkampf. Dass ihn ausgerechnet Amtsinhaber Medwedjew als Nachfolger vorschlägt, ist eine Bankrotterklärung für den vermeintlich liberalen Präsidenten und zieht dessen Modernisierungspolitik in Zweifel.

Lange Zeit schien es, als ob Medwedjew und Putin unterschiedliche politische Prioritäten setzten: Putin will Politik und Wirtschaft von oben herab steuern, das Land auf Knopfdruck regieren und nichts dem Zufall überlassen. Medwedjew forderte dagegen mehr Wettbewerb, Dezentralisierung und Entstaatlichung. Die spielerische Rochade hinter den Kremlmauern zeigt, dass Personen sogar im höchsten Amt des Staates austauschbar sind und Medwedjews Modernisierungsrhetorik bloß taktisches Gerede war.

Medwedjew war liberales Maskottchen
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  • Also ich denke, da wird sich Merkel sicher freuen, der einstige sozialistische Freund aus DDR-Tagen kommt wieder an die Macht.
    Schließlich war Putin lagne Zeit für den KGB in der DDR. Man kennt sich also sicher gut.
    Und das Vorbild Russlands, der gelenkten Demokratie von Putin liegt ja der Merkel
    Warten wir es also ab

  • Ja, das dachte ich au und es kam bei mir schon Freude auf.
    Ab re das wird Türken-Wulff nicht tun, er hat sich mittlerweile gut eingerichtet am prall gefüllten Fleischtopf

  • Wenn auf dem Markt nur Wodka und Kartoffeln angeboten werden dürfen und alle Abieter anderer Waren in den GULAG wandern, dann muß man sich nicht wundern, wenn die Leute nichts anders tun, als Bartkartofflen oder russichen Reibekuchen zu verzehren und sich zu besaufen.
    Ihre "Argumente" gehören in die Rubrik "Russische Märchen" für die ganz Dummen. Sie sind ein frecher Systemlügner, ein sittenoser Neostalinst!

  • Jawoll - Und morgen geht die Welt unter .....

    Wenn man so einen Kommentar schreibt, dann sollte man wenigstens über solide Grundkenntnisse verfügen.

    Vladimir Putin ist ohne Zweifel der Nukleus der Moskauer Machtelite, aber kein Allein-Herrscher.

    Dimitri Medwedjew einfach als Marionette zu beschreiben greift zu kurz und zeugt nur von Unwissenheit.

    Die Umfragewerte von Putin liegen nach 4 Jahren als Premierminister
    immer noch über denen von Dimitri Medwedjew.
    Welche andere Entscheidung sollte da fallen ?

    Mewedjew war, ist und bleibt mit Sicherheit auch ein Teil dieser Machtelite.
    Sonst wäre er nicht Chef von Gasprom und dann Präsident geworden
    und er würde jetzt nicht Premierminister werden.

    Putin ist nun einmal der jenige, der bis jetzt immer noch
    die größte Unterstützung in der Partei „Einiges Russland“ hat.
    Wer wird in Deutschland Kanzlerkandidat ?
    Der jenige mit dem kleinsten Rückhalt in der Partei ??

  • Hm, immerhin lese ich auch in den deutschen Medien, auch im Handelsblatt, das in seinen Foren selbst hyperkritische Kommentare wie Ihren nicht löscht (wäre in Russland undenkbar) teilweise höchst kritische Kommentare und Artikel, wenn auch erst in jüngster Zeit. Vielleicht hat das auch etwas mit der Schwierigkeit der Materie zu tun. Ich selbst habe mich auch erst in jüngster Zeit mit dem Thema Transferunion beschäftigt, und obwohl es mir keine Mühe macht, englische Fachtexte zu lesen, habe ich mir am ESM die Zähne ausgebissen. Die Hammerpunkte zu bemerken, die auf eine unkontrollierte Diktatur der sich selbst kontrollierenden Kontrolleure und Geldeinsammler und -vergeber hinauslaufen, ist selbst für Routiniers ein Kunststück. Raffiniert gemacht. Ich vermute, dass generell mal wieder mehr Blödheit als Bosheit im Spiel ist. Und das Problem der Dekadenz taucht immer dann auf, wenn es Leuten materiell gut geht, ohne dass sie höhrere ethische Werte haben. Und die Intellektuellen waren und sind auf der ganzen Welt eine verschwindend kleine Minderheit. Wenn Sie historische Texte lesen, stoßen Sie über ähnliche Klagen über die Verblödung der Jugend und den Verfall der Sitten. Was mir gut gefällt an der heutigen Zeit und am Westen ist die Transparenz, die auch durchs Internet hergestellt wird. Dadurch werden die Auseinandersetzungen heftiger und komplizierter, aber auch echter und vielversprechender. Ein wenig Hoffnung gibt's also schon, einverstanden? :)))

  • Hä? In welcher Welt leben Sie? Seit von hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die aberwitzige Farce gegen Chodorkowski als rechtmäßig bestätigt? Und seit wann ist Chodorkowski Zionist? Und selbst die russischen Ankläger haben Chodorkowski nicht wegen Mordes angeklagt. Und was sollen diese Primitivbeschimpfungen. Pöbeln, wenn einem die Argumente ausgehen.

  • Nein, das ist kein Witz. Woher hatte er plötzlich Milliarden, während Menschen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, bettelarm waren?

    Mag sein, dass andere Dinge in Russland auch schlecht funktionieren, aber er hat sich bereichert und sitzt zu recht im Knast.

  • Seit wann ist jemand, der sich über den Zionismus kritisch äussert ein Rassist ?!

    Wenn man sich gegen eine Idiologie kritisch äussert, dann hat es mit Rassismus so viel zu tun, als ob man von jemandem behauptet, der das als Rassismus erkennt, dass er sowas wie ein Hirn besitzen würde.

    Genauso wenig wie dieser jemand sowas wie ein Gehirn hat, genauso wenig hat Kritik am Zionismus etwas Rassismus zu tun.


    Als Deutscher laufe ich ja nicht rum und baue Mauern um Deutschland und annektiere andere Länder, nur damit wir Deutsche mehr Lebensraum haben und von anders Denkenden nicht belästigt werden. Dieses als Nationalsozialismus bekannte Verhalten, wenn das jemand kritisch beurteilen würde, dann kann man das doch nicht auf das ganze Volk übertragen.


    Jemand der Bürgermeister umlegen lässt, sich durch korrupte Machenschaften Kapital unter die Nägel reißt, Gläubiger prellt und dann von heute auf morgen sich den "westlichen Gesetzen" unterwirft, und sich als gut darstellt, der muß den westlichen Gesetzen entsprechend Steuern zahlen, die Geschädigten enschädigen und für die Morde in den Knast:

    keines von letzteren hatte Chodorkowski vor. Und weil selbst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Strafen für Chodorkowski bestätigt hat, darf man diesen offiziell als zionistischen Verbrecherschwein bezeichnen. Die Handelsblatt-Redaktion kann das vielleicht löschen lassen, aber vor ordentlicher Gerichtsbarkeit wird diese Bezeichnung - ohne jeglicher Bestrafung - Stand halten!

  • @atinak : Sie weisen auf die Dinge hin, die hier zu Teil noch so sind: Das Medien- und Pressekartell ist in der BRD inzwischen in kaum einem anderen Zustand, wie z. B. in Russland oder den USA: Die Realität wird geleugnet, dafür betreiben Sprücheklopfer ihr Propagandistenhandwerk, die Wahrheit wird verbogen oder ganz unterdrückt. Man muß inzwischen Schweizer Medien parallel lesen, um festzustellen, was in der BRD nicht opportun ist, veröffentlicht zu werden: Wir sind ganz nahe dran an den Methoden des Stalinismus, des Totalitarismus, eingeschleust durch die Hinterüren der Politapparate und ihrer politmafiösen Organisationen, durchgesetzt per (jungen) Politiker-Netzwerek, wie z. B. dem "Young Leader"-Programm, leise und heimlich vorbei an den geistigen Schlafstätten der Bürger, die sich mit Fußball, "Deutschland sucht den Superstar" und anderem Gedankenmüll die Köpfe füllen und die Zukunft trickreich entwenden lassen, "alternativlos", genau wie der Putinismus in Russland. Das geistig-sittliche Niveau scheint auf dem Tiefpunkt zu sein, ich habe die Befürchtung, daß es noch einige Etagen tiefer gehen wird. Böse Verhältnisse alles in allem.

  • Interessant, auch Rainer_J hat an anderer Forenstelle heftig für Eurobonds und die Transferunion plädiert. Jetzt wissen wir wenigstens, wer die Hintermänner dieser Strategie sind und wer die Koofmichs in der Politik steuert. Das erklärt natürlich eine ganze Menge.

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