Kommentar
Die IAEA-Erkenntnisse zu Fukushima muten merkwürdig an

Es gibt zwei Sorten Wahrsager. Jene, die wissen, dass sie eigentlich nichts wissen - und jene, die glauben, was sie erzählen. Beide Formen haben eine unangenehme Komponente gemeinsam: sie beruhen auf Kaffeesatzleserei. So gesehen ist es unerheblich, ob man der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA unterstellen kann, der Öffentlichkeit absichtlich Unsinn zu erzählen über die Atomkatastrophe in Japan. Vieles, was sie nun zu Tage gefördert haben will, bleibt jedenfalls Unsinn.
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Die IAEA hat am Mittwoch ihren Kurzbericht vorgelegt, in dem sie den Super-Gau von Fukushima Daiichi, der havarierten Atomkraftanlage in Japan, aufarbeiten will. Gerade einmal zehn Tage war ein Expertenteam dafür im Land. Allein das schürt schon Zweifel an der Aussagekraft der Ergebnisse. Wo Japans Regierung und der Kraftwerksbetreiber Tepco offenbar bis heute nicht vollständig wissen, was tatsächlich in dem Kraftwerk passiert oder abgelaufen ist, weil sie von der Krise viel zu unvorbereitet getroffen wurden und der Zugang zu den Reaktoren noch immer schwierig ist, wollen 18 eingereiste Nicht-Japaner in kürzester Zeit die Wahrheit über das Ereignis herausgefunden haben. Das ist nicht Wahrheitsfindung, sondern Wahrsagerei.

Entsprechend fallen auch die ersten Erkenntnisse der Untersuchung aus. Entweder werden bislang kaum bezweifelte Tatsachen herausgestellt. Oder es werden absolut nicht nachvollziehbare Schlüsse gezogen.

Dass Fukushima Daiichi "nur gebaut war, einem Tsunami mit Wellen von bis zu 5,7 Metern standzuhalten ", ist keine wirklich neue Information. Auch, dass Japan eine unabhängige Atomaufsicht fehlt und hier dringend Abhilfe geschaffen werden muss, wie die IAEA feststellt, ist hinlänglich bekannt. Bislang war die Aufsicht an das Industrieministerium angedockt, dass die Kernkraft intensiv vermarktet hat. Dass hier Interessenkonflikte programmiert sind und im Zweifel eine unabhängige Prüfung der Sicherheitsstandards der Reaktoren unterbleibt, ist offensichtlich.

Abstrus wird der Bericht der IAEA aber an der Stelle, wo deren Inspektoren den Umgang der japanischen Regierung und Tepco mit der Krise als "beispielhaft" loben. Wer mit unabhängigen Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen spricht, wer einfach nur seine Augen aufmacht, weiß es besser.

Da misst Tepco zum Beispiel heute noch immer die Radioaktivität in den betroffenen Regionen lediglich 20 Minuten am Tag. Da fehlt es an ausreichenden Messpunkten, um eine klare Einschätzung der wirklichen Strahlendosis zu erzielen. Da fehlt es in bestimmten Regionen weiter an fließendem Wasser, Menschen waschen ihre Kleidung in möglicherweise kontaminierten Flüssen. Es fehlt noch immer an Aufklärung, was die Strahlenwerte tatsächlich bedeuten, welche Dosis der einzelne etwa in Fukushima-City auszuhalten hat. Das aber ist wichtig, um bei einer späteren Erkrankung Schadensersatz einklagen zu können.

Kaum "beispielhaft" waren auch die Reaktionen von Regierung und Betreiber direkt nach dem Tsunami. Zu spät wurden die Reaktoren gekühlt, die Mitarbeiter von Tepco, die als Retter eingesetzt wurden, hatten nicht genügend Strahlenmessgeräte, sie wurden nicht genügend mit Essen und sonstigem versorgt. Kaum zu glauben, aber wahr: erst seit Mai haben die Männer genügend Betten vor Ort, im April mussten sie sich noch Decken zum Schlafen teile, berichtet ein Universitätsprofessor, der die Rettungskräfte mehrfach besucht hat. Die Männer sind erschöpft, sie leben nun schon seit über zwei Monaten in einer toten, hoch verstrahlten Zone. Vor wenigen Tagen musste Tepco zugeben, dass zwei Männer mittlerweile die extrem hohe maximale Strahlendosis erreicht haben - jenen Wert, den die Regierung nach dem Tsunami schnell von 100 Millisievert um das 2,5-fache heraufsetzte.

Das alles war nicht beispielhaft, sondern eine beispiellose Stümperei. Und eine Internationale Atomaufsichtsbehörde, die doch selbst unabhängig sein will, sollte das wissen und sagen. Man könnte nun den behaupten, die merkwürdigen Erkenntnisse der IAEA hätten damit zu tun, dass der Chef der IAEA ein Japaner ist, der bis heute die Atomkraft verteidigt. Aber das wäre Kaffeesatzleserei. Und Kaffeesatzleserei hat hier nichts zu suchen.

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  • Wir haben bereits vor 8 Wochen eine Absauganlage vorgeschlagen, welche die radioaktiven Partikel durch nanofaser beschichtete Filterpatronen zurückhalten und abscheiden kann. Dieser Vorschlag wird durch TEPCO, IAEA sowie die japanischen Behörden seit über 7 Wochen hartnäckig ignoriert. Dass sich nun die IAEA als Experte hinstellt, spottet jeder Beschreibung. siehe: ECOVAC.DE / aktuelles

  • Es ist nunmal Korruption von vorne bis hinten, was die ganze Kernkraft inkl. aller Aufsichtsbehörden leitet. Da konte man von der IAEA nichts anderes erwarten. Und es ist auch keine "beispielslose Stümperei", sondern eine gezielte Verharmlosung!

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