Kommentar
Die zornigen Kinder der Revolution

Nach der Arabellion in Ägypten und Libyen brechen über lange Zeit verdeckte Konflikte auf. Nun kämpfen die Revolutionäre gegeneinander. Und die Demokratie lässt auf sich warten.
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Wie geht es dem arabischen Frühling? Der Jahreszeit gemäß: herbstlich. Am Sonntag und Montag starben 26 Menschen in Kairo im Gewehrfeuer oder unter den Rädern der Militärfahrzeuge. Die meisten Opfer waren Christen. Die uralten Spannungen zwischen Kopten und Muslimen hatten sich in der blutigsten Straßenschlacht seit dem Sturz des ehemaligen Präsidenten Hosni Mubarak im Februar entladen.

Der Konflikt war jahrzehntelang von der Diktatur unterdrückt worden; jetzt kam, was kommen musste. Die Islamisten wollen zeigen, wer Herr im künftigen Hause ist; die Kopten, dass sie nicht wehrlos sind. Aber sie sind es - eine winzige Minderheit von zehn Prozent.

Sofort entflammen die Verschwörungstheorien, zumal es nicht klar ist, wer wann mit wem und gegen wen kämpfte. Hatte das ägyptische Militär den Mini-Bürgerkrieg angezettelt, um sich als Retter der Nation zu präsentieren? Sicherlich nicht, aber es gilt stets: „Cui bono?“ Essam Sharaf, der Premier, munkelte alsgleich von „Plänen, den Staat zu zerschlagen“. Das Regime wird über den Gewaltausbruch nicht unglücklich gewesen sein. Wieder kann es beweisen: „Ohne uns herrscht das Chaos!“

Seine Abdankung hat das Militär schon mehrfach verschoben, die Parlamentswahlen auf März. Und die Präsidentschaftswahlen? Erst einmal gar keine, das Notstandsrecht bleibt bestehen. Die allmächtige Exekutive wird in den nächsten zwei Jahren gewiss Uniform tragen. Immerhin gibt es in Ägypten noch eine intakte Zentralgewalt.

Blicken wir nun nach Westen, nach Libyen. Dort eskaliert der Machtkampf nicht zwischen Sekten, sondern zwischen den Siegern. Auch das war zu erwarten: der Konflikt zwischen Islamisten und Weltlichen, Westlern und Ostlern, die aus verschiedenen Richtungen nach Tripolis marschiert waren. Die „Zintanis“, nach ihrer Bastion in den westlichen Bergen benannt, hatten am stärksten im Endkampf gegen Gaddafi geblutet, jetzt fürchten sie die Macht der "Tripolitaner", die sich nach kurzen Kämpfen in der Hauptstadt praktisch an den gedeckten Tisch gesetzt hatten.

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Nach dem Kampf ist vor dem Kampf

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    Ein Deutscher hat den vollen Durchblick.
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