Kommentar
Endspiel um Afghanistan

Die USA wollen noch in diesem Jahr 10.000 Soldaten abziehen. Jetzt muss die Diplomatie einen neuen Terrorstaat verhindern. Ein großer Wurf wird es jedoch nicht werden. VON JOSEF JOFFE
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Im „Great Game“, wie die Engländer das Mächtespiel um Afghanistan im 19. Jahrhundert nannten, hat wieder einmal eine Schlussrunde begonnen – kurz vor dem zehnten Jahrestag des Terrorangriffs auf New York im September.

Woran wir das merken? An den Gesprächen der Amerikaner mit den Taliban. An Karsais Verhandlungen mit dem Todfeind, die der afghanische Präsident schon längst eingefädelt hat – Vorsorge ist die Mutter des Überlebens. An der Ankündigung von US-Präsident Obama, der Tod von Bin Laden und die massiven Drohnenangriffe hätten El Kaida ausreichend geschwächt, um einen beschleunigten Abzug zu erlauben. An dem öffentlichen Wutausbruch des US-Botschafters Karl Eikenberry gegen Karsai, der seit Wochen über die Alliierten herzieht. Eikenberrys Gegenschlag: „Wenn Amerikaner, die Ihrem Land unter großen Kosten dienen, mit Besatzern verglichen werden, die bloß ihre eigenen Interessen verfolgen, dann ... beginnen sie an ihrer Mission zu zweifeln.“

Dazu brauchen die USA keine Diatriben von Karsai. Von den vier Teilen der Mission sind drei gescheitert. El Kaida konnte in einem dreimonatigen Krieg 2002 schnell vertrieben werden. Nur anfänglich gelang auch Teil zwei: die Entmachtung der Taliban. Die sind aber längst wieder da und attackieren seit zwei Jahren auch die Deutschen, die sich im ruhigen Kundus als uniformierte Entwicklungshelfer so sicher gefühlt hatten.

Teil drei war der Aufbau einer halbwegs demokratischen Regierung, welche die Verantwortung für die Sicherheit des Landes übernehmen würde. „Pustekuchen“, sagt der Berliner. Karsai ist so korrupt wie die Potentaten ringsum; wenn seine Armee nicht gerade mit Taliban-Warlords kollaboriert, zeige sie sich unfähig, auch ohne die Koalitionskräfte zu kämpfen.

Schließlich Teil vier, „nation-building“. Es gab und gibt keine Nation in Afghanistan. Wie Henry Kissinger gerade notiert hat, „entsteht eine afghanische Nation nur dann, wenn sie sich fremder Truppen erwehrt“. Wenn die verschwinden, werde Afghanistan stets zu einer Arena, „wo diverse Stammesgruppen um Territorium und Bevölkerung konkurrieren“. So war es, nachdem die Briten im 19. und die Russen im 20. Jahrhundert vergeblich die Unterwerfung geprobt hatten.

Sicherlich könnten die USA und ihre Koalitionäre die Taliban auf ewig in Schach halten; sie kämpfen klüger als die Russen. Aber die Betonung liegt auf dem Wörtchen „ewig“. Die Intervention in gescheiterten (oder nie existenten) Staaten kennt keinen „Endsieg“, sondern nur die Dauerpräsenz – siehe Ex-Jugoslawien, wo zwölf Jahre nach dem Nato-Bombardement noch immer Schutztruppen stehen. Siehe auch Irak, wo die USA auch nach dem formalen Abzug noch Stützpunkte behalten werden.

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