Kommentar
Italien zahlt den Preis der Dekadenz

Alle Sparbemühungen haben Italien nichts genützt, das Land ist doch herabgestuft worden. Weitere Unruhen auf den Finanzmärkten sind nun programmiert und Silvio Berlusconis seltsame Reaktion macht es nicht besser.
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RomEin Schlag in den Nacken ist die Herabstufung Italiens durch die Ratingagentur Standard & Poor’s. Mit ein paar Zeilen sind alle Bemühungen der letzten Wochen vom Tisch gewischt, die Finanzmärkte mit Sparmaßnahmen zu beruhigen. Doch noch schlimmer ist die Reaktion der Regierung in Rom auf die Nachricht aus New York.

Der offizielle Kommentar von heute früh aus dem Palazzo Chigi, dem Regierungssitz von Silvio Berlusconi, zeigt die merkwürdige Weltsicht des Premiers. Die Entscheidung sei von Standard & Poor’s aus politischen Gründen getroffen worden, heißt es, und weniger auf Basis der realen Fakten. Ja, zugegeben, man hätte noch keine Maßnahmen zur Ankurbelung des Wachstums getroffen, die seien aber auf dem Weg, aber die Bewertungen der Ratingagentur seien durch die hintergründige Berichterstattung der Tageszeitungen in Italien beeinflusst.

Die Presse ist also schuld? Die bösen Journalisten, die wie auch die bösen Richter einfach grundsätzlich immer gegen den  Regierungschef sind? Berlusconi entfernt sich immer weiter von der Realität. In den vergangenen Tagen war mehr über sein Sexleben zu lesen als über ernsthafte Versuche, das Land zu regieren.

Weltbank, OECD, der Industrieverband Confindustria, alle haben ihre Wachstumsprognosen heruntergeschraubt, haben unisono mehr Wachstum gefordert. Das von der Regierung vor einer Woche verabschiedete Sparpaket bestehe zu sehr aus Einschnitten und Steuererhöhungen und zu wenig aus strukturellen  Reformen, hieß es. Jeder in Italien weiß um die gefährliche Situation. Und doch klammert sich Berlusconi an die Macht.

Standard & Poor’s ist deutlich: „eine schwache Koalition und Differenzen innerhalb des Parlaments“ nennt die Ratingagentur als Gründe für ihr Urteil. Ebenso absurd wie Berlusconis Entschuldigungen seines Nachtlebens  mit bezahlten Frauen sind die Drohgebärden des Koalitionspartners Lega Nord. Deren Chef Umberto Bossi tönt wieder einmal von Sezession des Nordens. Aber ohne ihn verliert Berlusconi seine Mehrheit im Parlament.

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  • Es schaut ganz einfach so aus - und da gibt es keine zwei Meinungen - dass nun, wo wir den Euro haben, eine Rückkehr zur D-Mark sicher nicht das bringen würde, was manche hoffen. Dass man dann nicht zum damaligen Kurs und vor allem zum damaligen Wert umrechnet, dürften die Meisten noch verstehen. Dass man dann natürlich mal wieder hier und da aufrunden würde, wir also das gleiche Spiel nochmals hätten, sollten die Meisten zumindest glauben. Dass die D-Mark stärker war, als der Euro, das ist es, was viele stört. Nur eben das störte auch an der D-Mark. VIELLEICHT wäre es besser, wenn wir sie nie abgeschafft hätten. Vielleicht aber auch nicht. Die Exporte wären - und das ist ja kein Märchen - für´s Ausland teurer. Die Importe wären zwar günstiger, da man sich aber strategisch auf den Export ausrichten musste, um überhaupt weiter importieren zu können und Arbeitsplätze zu erhalten, muss man auch bedenken. Ich persönlich denke tatsächlich auch, ein Erhalt der D-Mark wäre besser gewesen, weil wir diese Probleme irgendwie in den Griff bekommen hätten und gleichzeitig wäre dieser psychologische Effekt weggefallen, dass eine kleine Erhöhung so natürlich viel mehr ist, als es scheint (früher 10 Pfennig mehr - heute sind´s schon 20 Pfennig, weil man eben 10 Ct. draufhaut usw...). Aber wissen tun wir nichts und jetzt mal einfach so zurück zur Mark, das ginge nicht so einfach gut.

  • @ Anonymer Benutzer: verkehrteWelt
    ...die Arbeitnehmer werden sich aber nicht lange freuen...weil sie aufgrund veränderter Wettbewerbsbedingungen und zu starker DM dann nicht mehr lange Arbeitnehmer sein werden -früher war ja immer alles besser- und heute ist von morgen her gesehen schon früher.
    ---
    WQarum?
    Kann Deutschlands Exportwunder nur funktionieren, wenn wir gleichzeitig unsere Arbeitskräfte ausbeuten?
    Warum nicht mal durch eine D-Mark 2.0 und einhergehende Aufwertung derselben massiv die Binnennachfrage stärken, damit wir Deutschen diese Produkte im eigenen Land nachfragen können und damit sozusagen unsere Arbeitsplätze sichern?
    Ich verstehe nicht, was dagegen spricht, dieses Geschäftsmodell, das 50 Jahre lang blendend funktionierte, wieder einzuführen?
    Gegen eine EWG mit nationalen Währungen hat niemand etwas, gegen eine europäische Transferunion mit einer zentralistischen Euroregierung sehr wohl.
    Ich denke es geht in dieser Disskusion gar nicht um die deutschen Arbeitnehmer und seine Interessen, sondern eher um die weitere Profitmaximierung weniger Europrofiteure.
    Übrigens vom tollen XXL-Aufschwung der letzten 6 Monate ist bei den Arbeitnehmern so gut wie nichts angekommen.

    http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/xxl-aufschwung-geht-an-buergern-vorbei-466773/

    Wer hat die Gewinne abgeschöpft und privatisiert?

  • Es brauchte viel zu Lang, dass auch Italien endlich mal den Gürtel ein wenig enger schnallt. Dass sich ein Land so hoch verschuldet wie dies in verschiedenen Europäsischen Ländern passierte und noch immer geschieht, ist an un d für sich schon Tragisch genug. Es kann doch nicht angehen, dass man munter jenes Geld ausgibt, welches unsere Enkelkinder eines Tages erstmals verdienen müssen. Die ist doch auch ein Verbrechen an der Menschheit? oder irre ich ?

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