Kommentar
Kan scheitert an Japans politischer Kultur

In Japan hat Premier Naoto Kan seinen Rücktritt erklärt. Sein erzwungener Abgang wirft einen Schatten auf die Reformfähigkeit des Landes.
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TokioIn Japan gibt es ein Sprichwort, das viel über dieses Land aussagt. Es lautet: „Deru kui wa utareru“, frei übersetzt: „Der herausstehende Pfahl wird hineingeschlagen.“ Bis heute steckt dahinter eine der allgemeingültigsten Formeln, die dieser Inselstaat hat, es ist der Aufruf zur Konformität. Es ist ein Gesellschaftsprinzip, das die Ruhe des geregelten Miteinanders für sich hat, aber auch viel gegen sich. Denn es verhindert nicht selten die Entfaltung von Individualität.

In Japan aber funktioniert es seit Jahrhunderten, noch immer wird es den Kinder beigebracht und notfalls mit Zwang oder Ächtung durchgesetzt. Wer in Japan aufsteigt, sei es in der Universität, sei es in Unternehmen oder in der Politik, der tut es meist nur, wenn er sich anpasst, wenn er sich gleich macht, auch wenn er nicht gleich ist.

Es ist auch das Prinzip, mit dem sich das politische Trauerspiel erklären lässt, das sich zurzeit in Japan abspielt - und das an der Reformfähigkeit dieses Landes zweifeln lässt.

Wochen lang wurde auf einen Hoffnungsträger, der diese alte Regel durchbrochen hat, eingedroschen, als gäbe es kein Morgen mehr. Auf einen Politiker mit guten Ideen, mit Temperament, mit einer Biographie, die nicht der klassischen Erbfolge-Politiker-Karriere entspricht. Gemeint ist Premier Naoto Kan, der nun, nachdem er noch ein Gesetz zum Ausbau erneuerbarer Energien durchsetzen konnte, in wenigen Tagen abtritt. Allein dafür werden ihm die Japaner eines Tages wohl danken müssen.

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