Kommentar
London sinniert über die Zeit nach dem Euro

Die Euro-Krise stürzt David Cameron in ein Dilemma: In Brüssel droht die Isolation, zu Hause machen die Europafeinde dem britischen Premier das Leben schwer. Einen leichten Ausweg gibt es für ihn nicht.
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Was sich die Staats- und Regierungschefs auf einem EU-Gipfel hinter verschlossenen Türen an den Kopf werfen, bleibt normalerweise auch hinter diesen Türen. Deshalb ist es bemerkenswert, dass die erfrischend offene Unterhaltung zwischen dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem britischen Premier David Cameron ihren Weg in die Medien fand: "Sie haben eine gute Gelegenheit verpasst, den Mund zu halten", soll Sarkozy den Briten Ende Oktober angefahren haben. "Wir sind es leid, dass Sie uns kritisieren und sagen, was wir tun sollen. Sie sagen, dass Sie den Euro hassen, und jetzt wollen Sie sich in unsere Treffen einmischen."

Sarkozys Ausbruch zeigt, dass die Nerven der EU-Krisenmanager blankliegen, aber der Franzose hat auch einen Nerv getroffen. Cameron steckt tatsächlich in einem europapolitischen Dilemma, aus dem es keinen leichten Ausweg gibt. Immer lauter wird der Chor der Europaskeptiker, die einen Rückzug oder gar einen Austritt der Briten aus der EU fordern.

Cameron kann diese Stimmen aus der eigenen Partei und aus der Kernwählerschaft der Tories nicht ignorieren, aber er weiß auch, dass er es sich nicht leisten kann, am Katzentisch der Gemeinschaft zu landen. Den Premier treibt die Angst um, dass die EU-Mitglieder, die nicht zur Währungsunion gehören, an den Rand gedrängt werden und an Einfluss verlieren. Schon jetzt klagt Cameron über die "ständigen Attacken" aus Brüssel auf die Londoner City, das Nervenzentrum der britischen Wirtschaft.

Um die EU-Feinde zu Hause wenigstens halbwegs bei der Stange zu halten, versichert der Premier immer wieder, dass ein Kollaps der Euro-Zone auch für Großbritannien eine ökonomische Katastrophe wäre. Aber auch hier liegen die Dinge komplizierter, als es auf den ersten Blick aussieht. In der vergangenen Woche sorgte der angesehene Think-Tank CEBR mit einer neuen Studie für Aufsehen. Die Wirtschaftsforscher kommen zu dem bemerkenswerten Schluss, dass die Briten langfristig sogar profitieren würden, sollte die Euro-Zone tatsächlich auseinanderbrechen.

Ein Kollaps der Gemeinschaftswährung würde zwar kurzfristig einen brutalen Schock für die Wirtschaft des Königreichs zur Folge haben, "aber wir erwarten, dass es dem Land nach fünf Jahren mindestens so gut gehen würde wie zuvor", heißt es in der Studie. Für diese Prognose sind vor allem die besseren Exportchancen der Briten nach einem Euro-Kollaps verantwortlich.

In der Londoner City gehen inzwischen mehr als zwei Drittel der Banker davon aus, dass zumindest Griechenland aus dem Euro aussteigen wird. Auch die CEBR-Forscher erwarten, dass die Gemeinschaftswährung langfristig auseinanderbrechen wird. Bei ihren Versuchen, das zu verhindern, sollten Sarkozy und Kanzlerin Merkel besser nicht auf Rückendeckung aus London hoffen - und das nicht nur wegen der ein oder anderen Beleidigung auf einem EU-Gipfel.

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