Kommentar

Mario Monti, der überforderte Hoffnungsträger

In der Euphorie über die neue Technokratenregierung in Rom wird gerne übersehen, dass trotz allem die Parteien in der Pflicht bleiben. Und die Märkte sind zurecht skeptisch, ob sie es jetzt ernst meinen mit Reformen.
10 Kommentare
Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt Online Quelle: Frank Beer für Handelsblatt

Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt Online

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

Der Vorschusslorbeer für Mario Monti war überwältigend. Kaum war er als neuer italienischer Regierungschef auf Zeit benannt, schien die Tristesse in Italien Vergangenheit. Das sei ein „ermutigendes Signal zur Krisenüberwindung“, jubelten EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Bundeskanzlerin Angela Merkel hofft auf einen „stabilisierenden Effekt“ für die ganze Euro-Zone. Auch die Märkte atmeten auf: In Asien schlossen die Börsen im Plus, der Euro-Kurs stieg.

Offenbar war die Freude über den Abgang des ungeliebten Silvio Berlusconi so groß, dass mit vielen die Fantasie durchging.

Mario Monti selbst sah es realistischer. Er sprach nüchtern von einer „Notlage“ und nahm den Auftrag zu Regierungsbildung nur unter Vorbehalt an.

Die Vorbehalte sind mehr als berechtigt. In der Euphorie über die Technokratenregierungen in Italien und Griechenland, wird gerne übersehen, dass es sich zunächst einmal um eine Bankrotterklärung der Politik handelt. Die gewählten Vertreter des Landes sahen sich offenbar nicht mehr in der Lage, das von ihnen angerichtete Chaos wieder zu ordnen – und stehlen sich jetzt aus der Verantwortung.

Und auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, warum ein Wirtschaftsexperte wie Monti den politischen Saustall besser ausmisten könnte. Denn für Veränderungen braucht auch er politische Mehrheiten und die Rückendeckung der gewählten Politiker.

Das ist genau die Krux an der ganzen Geschichte. Ein Staat ist eben nicht zu führen wie ein Unternehmen, wo der Vorstandschef Strategieänderungen und neue Programme anordnet und die Fachabteilungen dies exekutieren. In der Politik geht es nicht nur darum, das Richtige zu erkennen und Reformprogramme zu entwerfen. Es geht auch darum, parlamentarische Mehrheiten für Veränderungen zu organisieren. Denn ohne diese lassen sich die besten Ideen nicht in die Praxis umsetzen.

Ob das Vertrauen zurückkehrt hängt nicht von Monti ab
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Kommentar - Mario Monti, der überforderte Hoffnungsträger

10 Kommentare zu "Kommentar: Mario Monti, der überforderte Hoffnungsträger"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ist doch wenigsten ehrlich, wenn die Bilderberger alleine entscheiden, wer Staatschef wird. Wozu das Parlament noch einschalten, die haben eh nix zu sagen.

    Genau so wie die nächste Bundes-Wahl voll Betrug ist. Peer Steinbrück wird Bundeskanzler, wie von den Bilderbergern 2011 festgelegt. die 400 Millionen, die die nächste Wahl kostet, sollte man besser als Entwicklungshilfe spenden.

  • Eins frage ich mich doch: Wiso hat sich dei Grinsekatze nicht wie sein Freund Gaddhafi in ein Kanalrohr verkrochen? Weil er demokratisch gewählt wurde?
    Immerhin hat Monti jetzt alle RAI-Kanäle zur Verfügung, während B. Blasensender zur Zeit beim Puplikum diskreditiert sind.
    Einem geschickten Amtinhaber, der seinen Fürsten und seine Prinzipien gelsen hat (ich meine die Bücher von Nicolo Macchivelli), sollte es gelingen, die Parteien so gegeneinander auszuspielen, dass sie in seionem Sinne funktionieren. Wenn dieser Sinn denn auch noch im Sinne des Wohles der italienischen Völker ist: Party³!

    Geht zugegebenermaßen sehr stark in Richtung heftigste Romanfantasie, aber träumen kann man nicht verbieten und man sollte dem Herren doch wenigstens erst mal 50 Amtstage gönnen.
    So ist das hier alles übelste Kaffefahrtensatzleserei!
    Solche Kommentare brauchen wir hier nicht. Reine Platzverschwendung.
    Statt dessen wäre ein kenntnisreicher Report über Montis gesammelte Werke in Politik, Verwaltung und Wirtschaft eher von Interesse. Spaekulationen kann man sich auf solcher Grundlage selber entwickeln.

    Man sieht sich!

  • ... auch und deshalb versuchen die Investoren durch wilde Wetten auf die Sturz Italien die Situation noch zu verschlimmern? Wenn ich schon in einem brennenden Haus sitze dann gieße ich doch nicht noch mehr Öl ins Feuer ...
    Der Homo Economicus versagt gerade auf ganzer Linie!!!

  • @highlander: Es gibt auch rein ökonomische Gründe. Italiens Schuldenquote betrug 2007 103% vom BIP, 2009 116% und 2012 ca. 120%. Ein steiler Anstieg! Maastricht hätte 60% erlaubt. Die pro-Kopf Verschuldung von € 29.324 (2009!) ist mit Abstand die höchste Europas, das reale Wachstum ist negativ (Inflation in der Eurozone ca. 3%). Die Politik ist zerstritten und unfähig. Die Banken- und Versicherungsaufsicht hat durch Senkung der Eigenmittelhinterlegung auf Null dafür gesorgt, dass diese hauptsächlich italienische Staatsanleihen halten (soviel für das Allwissen der Regulatoren!), was man am Beispiel von Generali (grösste Versicherung) und Unicredito (grösste Bank, schaut Euch den Aktienkurs an!) sehen kann. Es stimmt sicherlich, dass Kapitalmärkte meistens überreagieren, aber wenigstens reagieren sie. Das kann man von den Politikern bis heute nur teilweise sagen. Fertig, bunga-bunga, leider darf ganz Europa das Spielchen ausbaden...

  • Das war zwar diplomatisch aber doch deutlich! Scheint so als wird Zweifeln an Demokratie im Allgemeinen gesellschaftsfähig!

    "Das ist genau die Krux an der ganzen Geschichte. Ein Staat ist eben nicht zu führen wie ein Unternehmen, wo der Vorstandschef Strategieänderungen und neue Programme anordnet und die Fachabteilungen dies exekutieren ...".
    In letzter Instanz muss man also den Bürger abschaffen denn " ... es gebe trotz Unterstützung für Monti „starke Opposition“ an der Parteibasis."

    Wie wäre es mit firschen Gedanken und Ideen für eine demokratische Zukunft in Europa anstatt einfach resigniert dem "Markt" die Demokratie zu opfern! Die Frage ob Demokratie Wohlstand sichert wurde schon längst positiv beantwortet auch wenn hier ein paar Banker meinen sie könnten Zweifel sähen. Wir sollten lieber von unseren Politikern mehr Rückgrat fordern anstatt sie abzuschaffen ...

  • Um Ihnen zu erklären, warum Investoren nun gegenüber Italien zurückhaltend sind: Am Beispiel Griechenlands haben sie vor einigen Tagen gesehen, dass westeuropäische Staaten ihre Kredite nicht unbedingt zurückzahlen ("haircut"). Dies war seit dem Zweiten Weltkrieg ein Präzendenzfall, und die Märkte fragen sich, ob Italien nicht Gefallen am griechischen Vorbild finden wird.

  • VERSTEHE EINES NICHT UND BITTE UM ERKLÄRUNG. ITALIEN HAT JA SEIT JAHRZEHNTEN DAS PROBLEM DER HOHEN SCHULDEN. VOR ZEHN JAHREN WAR DIE VERSCHULDUNGSQUOTE NICHT WESENTLICH TIEFER ALS HEUTE. DIE FINANZKRISE ÜBERSTAND ITALIEN RELATIV GLIMPFLICH. ES MUSSTEN KAUM BANKEN GERETTET WERDEN. AUSSERDEM HATTE ITALIEN PER SALDO EINEN POSITIVEN HAUSHALT (OHNE ZINSAUFWAND FÜR SCHULDEN - KAUM EIN ANDERES EU LAND KONNTE DAS) DAS PROBLEM ITALIEN IST EINDEUTIG EIN POLITISCHES (BELUSCONI UND DAS GANZE KORRUPTE PACK IN ROM) DESHALB VERSTEHE ICH NICHT, WARUM SICH DIE FINANZMÄRKTE JETZT AUF ITALIEN EINSCHIESSEN

  • Ist es denn noch nicht möglich das komplette Parlament aussen vor zu lassen und z.B. einfach Juncker oder Barroso entscheiden zu lassen was gut für Italien ist.
    Wir sind doch Europa.

  • Sehr guter Kommentar. Wenn Barroso und van Rompuy jubeln, beide verantwortlich für die eigene Misere in ihren Ländern, sollte man besonders vorsichtig sein. Sie sind der lebende Beweis der totalen Überforderung der heutigen Politikerkaste, Begriff wurde übrigens als La Casta vor kurzem in Italien schön beschrieben. Früher wechselten die italienischen Regierungen alle 9 Monate, jetzt kommen wir wohl zu diesem Rhythmus wieder zurück. Monti wird die Probleme auch nicht lösen können. Die Bürger - nein, die gibt es kaum noch - die Staatshilfeempfänger (Rentner, Hartz 4, Beamte, Politiker, Mitarbeiter von Staatsunternehmen usw., d.h. eine Mehrheit der Bevölkerung in Europa) will von der Politik betrogen werden, also betrügt sie die Politik. Es ist doch so viel schöner zu Lasten des Nachbarn zu leben, als dank der eigenen Leistung, im Kleinen, wie auch auf Staatsebene...

  • Endlich jemand der klar macht dass es sich nicht um eine Oskarwahl handelt sondern, dass alle Entscheide im Parlament abgenickt werden müssen. Da ist die Versuchung groß seitens der Politiker eher nein zu sagen als unter Fraktionszwang! Die Dutchsetzung wird noch schwieriger wenn nicht sogar unmöglich, angesichts mangelnder Gemeinwohlverantwortung, die dem Italiener seit je fremd ist! Würde mich nicht wundern wenn Monti letztendlich absagt!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%