Kommentar
Missbrauchte Ängste in Polen

Mit der Fußball-Weltmeisterschaft hat Deutschland endlich gelernt, entspannt mit nationalen Symbolen umzugehen. Umso schriller wirkt die Kritik der polnischen Regierung, die uns eine angebliche Wiederkehr alten Ungeistes vorwirft. Warschau, so scheint es, will Ängste vor einem deutschen Revanchismus schüren, um von eigenen Fehlern ablenken.

Polens Präsident nennt den Auftritt von Bundespräsident Horst Köhler bei den Vertriebenenverbänden „eines jener beunruhigenden Ereignisse, die in jüngster Zeit in Deutschland stattfinden“. Und die Vorsitzende des Zentralrats der Juden wirft Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul vor, in der Libanon-Debatte bewusst antijüdische und antiisraelische Ressentiments zu schüren.

Unverdrossen werden die Schreckgespenster eines nationalistischen Deutschlands an die Wand gemalt. Doch schnell wird klar, dass es diesmal in Wahrheit um etwas anderes geht – und die Motive des Zentralrats und des polnischen Präsidenten sehr unterschiedlich sind.

Die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch agiert aus verständlicher Sorge wegen der Angriffe der Hisbollah-Miliz. Der Beschuss Nordisraels hat für Verunsicherung gesorgt. Selten fühlten sich Israelis und mit ihnen viele Juden weltweit so verletzlich und nervös.

Das mag die Vorwürfe und die seltsame Tonlage erklären. In der Sache ist die Kritik aber unberechtigt. Die Bundesrepublik steht klar an der Seite Israels. Zwischen Partnern muss es möglich sein, Fragen etwa zum israelischen Einsatz von Streubomben zu stellen, der im Übrigen auch von den Amerikanern untersucht wird. Ein wenig wirkt es, als habe man die „linke“ Heidemarie Wieczorek-Zeul wie einen einfachen Punching-Ball angesehen, weil ihr normalerweise wenig Kollegen zu Hilfe eilen. Weiterführend für einen Dialog mit dem Zentralrat ist die Pauschalkritik aber nicht.

Der Fall der polnischen Regierung liegt allerdings ganz anders. Schon seit Wochen mobilisiert Präsident Kaczynski ein verstärktes Misstrauen gegen Deutschland: Erst die Vertriebenenausstellung, dann schrille Töne in der Debatte über Günter Grass und nun die Rede des Bundespräsidenten: jeder Anlass ist recht. Dass Warschau den Posten eines Regierungsbeauftragten für die Beziehungen zu Deutschland immer noch nicht wieder besetzt hat, zeigt dabei, wie groß das Desinteresse dieser Regierung an konstruktiven Beziehungen wirklich ist.

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