Kommentar: Warum der Dollar kein sicherer Hafen mehr ist

Kommentar
Warum der Dollar kein sicherer Hafen mehr ist

Bislang haben Anleger in Krisenzeiten Schutz für ihr Geld in den USA gesucht. Doch in der Libyenkrise greift dieser Reflex nicht mehr. Das zeigt, wie große der Vertrauensverlust ist. Ein Kommentar von Rolf Benders
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New YorkNordafrika und Arabien erleben einen epochalen Wandel – und Amerika ist entsetzt. Zunächst stellte der Schock über die Gewalt in Libyen und im gesamten Nahen Osten alles in den Schatten. Die Angst ging um, ehemals verbündete Diktaturen könnten sich in islamistische Theokratien verwandeln.

Erst auf den zweiten Blick entdeckt „God’s own country“ nun, dass die sich anbahnenden geopolitischen Verwerfungen nicht nur für die Region einen epochalen Wandel bedeuten könnten. Auch für die USA deutet sich in diesen Wochen ein tiefgreifender Wandel an. Denn der Dollar tut in dieser Krise nicht das, was er in den vergangenen Jahrzehnten in unsicheren Zeiten immer tat. Er fällt, statt zu steigen.

Bislang suchten Anleger in Krisenzeiten immer Schutz für ihr Geld in den USA. Dieser Reflex schien Teil der DNA der Märkte zu sein und verhalf dem Dollar jedes Mal zu deutlichen Kursgewinnen.

Doch plötzlich ist alles anders. Gegenüber dem Euro und den meisten anderen großen Währungen büßte der Dollar seit Jahresbeginn fast sieben Prozent an Wert ein. Stattdessen sind Gold und vor allem der Schweizer Franken bei verunsicherten Anlegern gefragt. „Beschämend“ und „peinlich“ nennen dies überraschte Kommentatoren in der US-Wirtschaftspresse. Sie begreifen: Das Vertrauen der Anleger in die US-Währung beginnt zu schwinden.

Seit langem wird darüber diskutiert, wann der Punkt erreicht sein könnte, an dem Anleger aus Sorge um ihr Geld aufhören werden, den mit rund 14 Billionen Dollar verschuldeten USA zu vertrauen. „Manchmal reagieren Märkte schneller, als man denkt“, warnte Jamie Dimon, Chef der zweitgrößten US-Bank JP Morgan zuletzt in einem „Handelsblatt“-Interview. Er mahnte Eile bei den Bemühungen um die Konsolidierung der Staatsfinanzen an.

Und nun mehren sich die Stimmen, die mahnen, das ungewöhnliche Verhalten des Dollars könne ein erstes Anzeichen dafür sein, dass das Vertrauen in den Dollar auf ein kritisches Niveau gesunken ist. „Das ist ein Warnsignal, dass wir nicht mehr länger über das gewohnte Standing verfügen, wenn wir unser Haus nicht in Ordnung bringen“, sagte Mohamed El-Erian, Chef von Pimco, dem Vermögensverwalter mit dem weltgrößten Anleihefonds.

Wie immer, wenn ein lange erwarteter Wandel tatsächlich eintritt, fragt man sich unwillkürlich: „Warum jetzt?“ Die Diktatoren im Nahen Osten haben plötzlich die Kontrolle verloren, als eine zunächst kleine Gruppe junger Menschen in Ägypten die Angst vor dem System ablegte und auf die Straße ging. Der sichtbare Erfolg dieses Unternehmens zog immer größere Teile der arbeitslosen, bitterarmen und perspektivlosen Jugend an. Am Ende war das Signal, das die Kundgebungen auf den Plätzen Kairos und Alexandrias aussendeten, so mächtig, dass zunächst Hosni Mubarak entmachtet wurde und dann weite Teile Arabiens in Flammen gesetzt wurden.

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  • Wir können nur hoffen, dass es der Bevölkerung in all den Ländern im Nahen und Mittleren Osten, in denen es derzeit Revolten gibt, nach einem Regierungswechsel besser geht. Dass die USA in die Schranken gewiesen wird ist jedoch Wunschdenken. Die USA wird schon dafür sorgen, dass - wie auch immer eine zukünftige Regierung in den Ländern aussehen wird - die wirtschaftlichen Entscheidungen pro USA getroffen werden und nicht im Sinne des Staates selbst. Mich würde es sehr wundern, wenn die USA eine Regierung akzeptiert, die - wie der Iran - sein Öl lieber an Russland und China verkauft und Geschäfte in der jeweiligen Landeswährung fakturiert und nicht mit den wertlosen grünen Scheinchen bezahlt...

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