Kommentar zu Flüchtlingsquoten in der EU
Ein Bild ändert alles

Europa hat sich in der Flüchtlingskrise zerstritten – und beschämend verhalten. Doch das Foto des kleinen Aylan lässt die Staatenlenker umdenken: Alle EU-Staaten werden Asylsuchende aufnehmen – auch die osteuropäischen.

BrüsselEin Bild sagt oft mehr als viele Worte. Dieses Mal ist es der kleine Aylan. Der dreijährige Junge hat die Flucht aus seiner Heimat Syrien über das Mittelmeer nicht überlebt. Das Foto von seiner Leiche an einem türkischen Strand hat politisch mehr bewirkt, als alle Solidaritätsappelle an hartherzige europäische Regierungen es bis dahin vermochten.

Sogar der britische Premierminister, der seine Insel hermetisch abschottet gegen die Flüchtlingsflut, kann sich dem Eindruck dieses Bildes nicht entziehen. Eine Welle von Mitgefühl hat die Briten erfasst – und deshalb wird David Cameron nun doch wider Willen Asylbewerber ins Land lassen müssen, in London ist von 10.000 Menschen die Rede.

So hat Ailan am Ende vielleicht sein Leben gelassen, um viele andere zu retten. Sein Tod könnte den entscheidenden Wendepunkt in der europäischen Asyldebatte markieren.

Was bislang geschieht, kann man nur als beschämend bezeichnen. Die 28 EU-Staaten beschimpfen sich gegenseitig, statt die Migrationskrise gemeinsam zu bewältigen. Doch nun keimt Hoffnung auf, dass es doch noch zu einer humanen, solidarischen, europäischen Lösung kommen könnte.

Der Anstoß dafür wird vom EU-Kommissionspräsidenten kommen. Kommende Woche will Jean-Claude Juncker vorschlagen, voraussichtlich 160.000 Flüchtlinge auf alle 28 EU-Staaten zu verteilen. Jedes Land soll gemessen an seiner Einwohnerzahl und seiner Wirtschaftskraft einen fairen Anteil zugewiesen bekommen.

Auf diese Weise will Juncker die vom Migrationsstrom stark belasteten Länder – Deutschland, Italien, Griechenland, Ungarn – entlasten. Andere Länder, insbesondere in Mittel- und Osteuropa – sollen dagegen mehr Flüchtlinge aufnehmen.

Der Vorschlag ist geradezu revolutionär für die Europäische Union, und er hätte noch vor wenigen Wochen keinerlei politische Chance gehabt. Denn bislang gilt das Asyl- und Einwanderungsrecht als weitgehend nationale Domäne. Die Regierungen wollen selbst entscheiden, wen sie in ihr Land lassen und verbitten sich jegliche Einmischung aus Brüssel.

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