Kommentar zum Flüchtlingsdrama
Wir sind nicht schuld

Die Schreckensmeldungen über Schiffstragödien im Mittelmeer reißen nicht ab. Das schlechte Gewissen hindert Europa, einen kühnen Plan zu fassen, wie den afrikanischen Flüchtlingen zu helfen ist.
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Wir lesen, wie Menschen im 16 Grad kalten Mittelmeer ertrinken. Wir hören, wie herbeieilende Schiffe ihre verzweifelten Seenotrufe auffangen. Und wir sehen via Satellitenübertragung direkt in die verzerrten Gesichter der Opfer. Wir veranstalten Schweigeminuten. Wir fragen uns, warum der Absturz eines Flugzeugs mit 150 Toten tagelang unsere Sinne beansprucht und unser Handeln bestimmt, aber die mehr als 1000 Toten, die der Friedhof namens Mittelmeer jetzt aufnehmen musste, uns nicht im gleichen Maß aufrütteln.

Es ist zum Verzweifeln: Das Gewissen rebelliert, unsere humanitären Werte versinken auf offener See, aber wir sind ringsum von Sackgassen umgeben.

Sackgasse Nummer eins ist der Appell an die europäische Solidarität. Weil die Flüchtlinge aus Afrika vorwiegend an den Küsten von Italien und Griechenland landen, sind es diese Länder, die logistisch zu allererst vor der Aufgabe stehen, den Ansturm zu bewältigen.

Sackgasse Nummer zwei ist die Idee, Auffanglager in den Herkunftsländern zu installieren. Dieser uralte Plan kann nur dort funktionieren, wo es Länder mit staatlichen Strukturen überhaupt gibt. Libyen und Syrien gehören sicher nicht dazu diesen Ländern.

In Sackgasse Nummer drei führt die Angst Europas vor sich selbst. Weil jeder Politiker ahnt, dass viele Flüchtlinge auch viel Gesprächsstoff sind - vor allem bei denen, die von rechts Stimmung gegen Einwanderung machen, verhalten sich die meisten wie gelähmt.

Ausweglos erscheint schließlich der Käfig, in dem wir uns selbst eingeschlossen haben. Uns plagt das schlechte Gewissen. Auch ein halbes Jahrhundert nach dem Ende jeder europäischen Kolonisationspolitik erklären wir uns notorisch für jede noch so indirekte negative Folge dieser Kolonisation zuständig.

Als erstes müssen wir dieses Denkgebäude, in dem wir uns selbst eingeschlossen haben, einreißen. Das geht so: Wenn sich Millionen Afrikaner in der Not entscheiden, den lebensgefährlichen Weg nach Europa anzutreten, dann hat nicht Europa diese Entscheidung verursacht, sondern es sind jene unfähigen und korrupten Regime, die seit Jahrzehnten nicht in der Lage sind, diese Länder in einen lebenswerten Zustand zu versetzen. Es stimmt: Wir machen uns schuldig, wenn wir den Flüchtlingen nicht helfen. Aber wir sind unschuldig daran, dass sie überhaupt kommen.

Ohne schlechtes Gewissen ließen sich auch Wege aus der Sackgasse finden. Der erste heißt: Wenn Menschen ertrinken, müssen die Rettungsschwimmer los, ohne zu überlegen. Das Hilfsprogramm Mare Nostrum, das es erlaubte, Flüchtlinge auch schon vor der Küste Afrikas aufzunehmen, war besser als das jetzt angewandte Verfahren, bei dem die rettenden Schiffe nur vor der Küste Europas operieren dürfen.

Italien sollte das ursprüngliche Hilfsprogramm deswegen wieder aufnehmen.

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  • Zu dem hier im Forum (in oft unsäglich menschenverachtenden Kommentaren) immer wiederkehrenden Hinweis auf das starke Bevölkerungswachstum in den Herkunftsländern im allgemeinen und zur Lage der Flüchtlinge aus Afrika und besonders auch dem Nahen Osten (wo sie wegen der unablässigen brutalen Angriffe und der restlos zerstörten Infrastruktur gezwungen sind, ihre Herkunftsländer zu verlassen, um überhaupt überleben zu können):

    Da muss „man(n)“ sich mal ganz, ganz dringend mit der Rolle und Rechte der Frau in unserer heutigen Welt auseinandersetzen, wenn wir alle tatsächlich mal Nägel mit Köpfen machen wollen!!!

    Auch wenn es sicher dort genauso wie hier aufgeschlossene, liebevolle und verständige Männer gibt, kommt es nämlich gerade in den sogenannten „konservativen“ (sagen wir besser: ewiggestrigen) Kreisen des islamischen Kulturraums leider immer noch viel zu häufig vor, dass Frauen - um es mal ganz zynisch auszudrücken - als "Gebär- und Aufzuchtmaschinen" angesehen und zu Hause festgehalten werden, wo sie ihren "Herrschern und Gebietern" zu Diensten zu sein haben.

    Und ich lasse mir einfach nicht erzählen, dass das DEREN (der Frauen) freie Entscheidung sein soll!

    In diesen Ländern kommen Frauen folglich bis auf ganz wenige "prominente" Ausnahmen in der Politik so gut wie gar nicht vor.

    Die wirtschaftlichen, humanitären und v.a. bildungspolitischen Zustände in diesen Gebieten sind denn auch danach.

    Da es hier um verbriefte Menschenrechte, die für alle gelten und folglich auch alle angehen handelt und nicht um irgendwelche "inneren Angelegenheiten", darf man in den anderen Ländern nicht so tun, als seien archaische Zustände unumstößliche "Traditionen", sondern man muss den Mut aufbringen - durch eindeutige Stellungnahmen, zur Not auch mithilfe finanzieller Sanktionen - da auf Abhilfe zu dringen!!

  • „Wenn sich Millionen Afrikaner in der Not entscheiden, den lebensgefährlichen Weg nach Europa anzutreten, dann hat nicht Europa diese Entscheidung verursacht, sondern es sind jene unfähigen und korrupten Regime, die seit Jahrzehnten nicht in der Lage sind, diese Länder in einen lebenswerten Zustand zu versetzen.“
    Das ist leider nur zum Teil richtig (was die korrupten Regime angeht).
    "Schuld" in dem Sinne, dass wir uns von irgendwem ein schlechtes Gewissen machen lassen müssten, sind wir natürlich auch nicht, wie Sie in Ihrem heutigen (21.4.) Artikel in der HB-Printausgabe sehr richtig anmerken.
    Ohne irgendjemandem eine „Schuld“ zuweisen zu wollen muss man, um „gegensteuern“ zu können, allerdings klar erkennen, dass die derzeitige Afrikapolitik der sog. „entwickelten“ Länder einen doch nicht nur Anteil an der aktuellen Misere hat, sondern auch ihrer Perpetuierung Vorschub leistet. Darunter nicht zuletzt auch die im Beitrag von Frau Ellis Müller angesprochene subventionsgesteuerte EU-Wirtschaftspolitik.
    Offensichtlich tun die verantwortlichen Politiker der Bequemlichkeit halber gern so, als ob sie nichts sähen (oder, schlimmer noch, sie schauen gar nicht erst hin), um ungestört „business as usual“ mit durch und durch korrupten Machthabern diverser absurder Scheindemokratien auf diesem Kontinent machen zu können.
    Das Problem sind eben diese korrupten Eliten und NICHT die Bevölkerung, die sie nicht nur ihrer Chancen und Rechte berauben, sondern auch noch gegeneinander ausspielen, aufhetzen und in militärische Auseinandersetzungen treiben! Nebenbei: Wo kommen eigentlich die ganzen Waffen dafür, die es dort - ganz im Gegensatz zu den vielen dringend benötigten Dingen, an denen akuter Mangel herrscht - im Überfluss zu geben scheint her??!
    21.4. auf HBO:
    http://www.handelsblatt.com/politik/international/fluechtlingskatastrophe-im-mittelmeer-warum-afrika-schweigt/11665444.html
    Buchtipp:
    http://www.amazon.de/Afrika-wird-armregiert-wirklich-helfen/dp/3423247355

  • @HB Nur einfach die Kommentarfunktion für "unbequeme" Themen abwürgen ist keine Lösung, sorgt nur für immer mehr Unmut, blanke Wut und weitere Aggressionen!!!

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