Kommentar zum Friedensnobelpreis
Ein Licht im arabischen Winter

Der Nobelpreis für das Quartett des nationalen Dialogs in Tunesien ist verdient. Das Land zeigt, dass Demokratie in islamischen Ländern möglich ist – mit Strahlkraft auf die Nachbarländer.
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Angela Merkel wird vermutlich ganz froh sein, dass sie den Friedensnobelpreis nicht bekommen hat. Und vielleicht wäre die Ehrung für die deutsche Kanzlerin auch ein wenig zu früh gekommen. Noch stecken wir ja mitten drin in der Flüchtlingskrise und es ist keineswegs sicher, dass Merkel mit ihrer Politik der offenen Arme auch Erfolg haben wird.

Nicht zu früh, sondern fast schon zu spät kommt der Preis für das Quartett des nationalen Dialogs in Tunesien. Vom Arabischen Frühling, der im Dezember 2010 mit der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi begann, ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Tunesien ist das einzig verbliebene Licht in einem arabischen Winter aus Bürgerkrieg, Unterdrückung und Verzweiflung. Daran zu erinnern, dass in der zur Selbstzerstörung neigenden Region dennoch Freiheit und Demokratie Fuß fassen können, ist aller Ehren wert. Der Preis ist deshalb verdient.

Das Quartett wurde im Oktober 2013 von Gewerkschaften, Arbeitgebern, Menschenrechtlern und Anwälten mit dem Ziel gegründet, den Übergang des nordafrikanischen Landes in eine pluralistische Demokratie zu organisieren. Die vier zivilen Organisationen einigten sich auf einen nationalen Dialog, der entscheidend dazu beitrug, dass die Jasminrevolution friedlich verlief und ihr Beispiel auf die gesamte arabische Region ausstrahlte.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der Ruf nach Freiheit von Algerien über Libyen und Syrien bis nach Ägypten. Dass sich Gewerkschaften und Arbeitgeber von Anfang an dem nationalen Dialog in Tunesien beteiligten, war angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation im Lande von großer Bedeutung. Ging es doch im Arabische Frühling nicht nur um Freiheit und Demokratie, sondern gerade auch um eine bessere wirtschaftliche Perspektive.

Darüber hinaus sorgte das Quartett dafür, dass der Kompromiss zwischen den verschiedenen politischen Gruppen zu einem wichtigen Bestandteil der politischen Kultur in Tunesien wurde. Nur so war es möglich, dass das Land im vergangenen Jahr eine neue Verfassung verabschiedete und freie Wahlen abhalten konnte.

Heute steht Tunesien trotz einiger Rückschläge als leuchtendes Beispiel dafür, dass ein arabisches Land mit einer mehrheitlich islamischen Bevölkerung aus eigenen Kräften in der Lage ist, sein Schicksal in die Hand zu nehmen und sich auf den Weg zu machen in Richtung Freiheit und Demokratie.

Angesichts der täglichen Bilder aus vom Bürgerkrieg zerstörten Ländern wie Syrien, Irak, Libyen und Jemen und der generalstabsmäßig verordneten Friedhofsruhe in Ägypten lässt sich diese Leistung kaum hoch genug einschätzen.

Und vielleicht kann Tunesien eines Tages noch einmal in seinen arabischen Nachbarländern jene Frühlingsgefühle wiedererwecken, um die dortigen Bürgerkriege zu beenden. Damit wäre Angela Merkel sicher mehr geholfen als mit dem Friedensnobelpreis.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " Kommentar zum Friedensnobelpreis: Ein Licht im arabischen Winter"

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  • Ich finde diese Preisvergabe gut und verdient.
    Nur gut, dass Merkel ihn nicht bekommen hat, denn dann hätte man wirklich an diesem Preis zwifeln müssen.
    Die Merkel soll erst einmal ihre Stasi-Vergangheit völlig aufklären

  • In Sachen Frau Dr. Angela Merkel hilft im Moment nur eins, wenn überhaupt, Druck, Druck, Druck,.

    Druck durch Strafanzeigen, AfD, Druck durch Verfassungsklagen, CSU, Druck durch öffentliche Meinungkundgebungen, Demonstrationen, Druck durch zivilen, friedlichen Ungehorsam von jedermann und jederfrau, die sich verantwortlich sehen für die Zukunft dieses Landes.

    Deutschland versinkt im Chaos und verliert seine Rechtsstaatlichkeit, weil Recht nicht mehr durchsetzbar ist.

    MERKEL MUSS WEG:

  • So restriktiv und einschränkend wie das ehemals liberale und meinungsfreudige HB
    seine Kommentarfunktion derzeit öffent und schließt nach Gutdenken und autokratischer Gutsherrenart wäre höchstens eine saure Zitrone als Preis angemessen.

    Trotzdem wir lieben unser HB und sagen nicht wie Frau Merkel "Das ist nicht mehr unsere Zeitung", wenn die Redaktion Stuss macht.

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