Kommentar zur EU-Wirtschaftsprognose
Morgendämmerung für die Krisenstaaten

Bei den Sorgenkindern der EU ist die Stimmung gut. Die Richtung stimmt – nach oben. Die Wachstumsprognose der EU-Kommission zeigt: Das Ende der Euro-Krise ist nah. Wäre da nicht ein großes Problem.
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BerlinIn der Wirtschaft ist die Stimmung gut. Nicht so sehr in Deutschland, und schon gar nicht in Frankreich, Österreich oder Finnland. Nein, am besten sind die Stimmungsindikatoren in jenen Ländern, die bis vor kurzem noch die Sorgenkinder der Euro-Zone waren. In Spanien sind die Optimisten unter den Managern und Konsumenten klar in der Mehrzahl, wie die Umfragen der EU zeigen. Ähnlich ist es in Portugal und Irland. Und selbst in Italien glauben die Wirtschaftsakteure, dass es bald aufwärts geht – mit ihren Geschäften und mit dem Land.

Genau dieses Bild bestätigt auch die neue Prognose der EU-Kommission: Die Brüsseler Ökonomen haben ihre Prognosen für die ehemaligen Problemkinder angehoben, im Fall von Spanien sogar deutlich – von 1,7 Prozent Wachstum in 2015 auf satte 2,8. Und das zurückgekehrte Wachstum ist deutlich gesünder als es vor der Finanzkrise war: Der Außenhandel ist im Gleichgewicht, die Exporte entwickeln sich gut, die Arbeitslosigkeit sinkt.

Natürlich darf man sich nichts vormachen: Mit Ausnahme von Irland, das mit Wachstumsraten von knapp fünf Prozent im letzten und voraussichtlich knapp vier Prozent in diesem Jahr so schnell aufgeholt hat, dass der durchschnittliche Ire inzwischen wieder weit mehr Geld hat als der durchschnittliche Deutsche, haben alle Länder noch immer viel Boden gutzumachen.

Selbst wenn das Jahr 2015 gut läuft, hinken die Länder noch immer alter Stärke hinterher: So hatten Portugal und Spanien schon vor zehn Jahren eine höhere Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung als derzeit. Und die Italiener waren sogar im letzten Jahrtausend schon mal besser dran.

Doch die Dynamik stimmt, und das ist erst mal das Wichtigste. Die Wirtschaftshistoriker werden sich noch lange darüber streiten, ob man die Krisen der vergangenen Jahre mit weniger Wohlstandsverlusten hätte beenden können. Doch aktuell geht es darum, dass die Richtung stimmt – und das tut sie. Die ganze Euro-Zone soll in diesem Jahr um eineinhalb Prozent wachsen. Nach drei mauen Jahren ist das mehr als ordentlich – und auch mehr als bisher erwartet.

Und man könnte beinahe das endgültige Ende der Euro-Krise ausrufen, wenn da nicht Griechenland wäre. Für Hellas gilt all das nicht, was für die ehemaligen anderen Krisenländer heute gilt. Von den ursprünglich für dieses Jahr angesetzten knapp drei Prozent Wachstum ist in der neuen Prognose gerade noch ein halbes Prozent geblieben. Und auch das ist wohl eher ein Hoffnungswert.

Schließlich ist der Verbleib im Euro alles andere als klar.

Die Frage aller Fragen lautet: Können die anderen Peripherie-Staaten, kann die ganze Euro-Zone weitere griechische Turbulenzen ohne größere Blessuren verkraften? Die harten Zahlen deuten auf ein Ja: Wenn der griechische Außenhandel weiter einbrechen sollte, wird das im Rest Europas kaum zu spüren sein. Und auch die Banken sind dort heute mit weit weniger Milliarden engagiert als früher. Doch Wirtschaft ist auch Psychologie: Ob die Optimisten weiter Optimisten bleiben, wenn es in Griechenland knallt, kann niemand wissen.

Immerhin: Bisher sieht es so aus, als sei die Zuversicht robust.

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.
Hans Christian Müller-Dröge
Handelsblatt / Redakteur

Kommentare zu " Kommentar zur EU-Wirtschaftsprognose: Morgendämmerung für die Krisenstaaten"

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  • „Die Wachstumsprognose der EU-Kommission zeigt: Das Ende der Euro-Krise ist nah.“

    Wie albern ist das denn? Prognosen zeigen nur was irgendjemand erwartet, was in der Zukunft sein könnte.

    Die EU-Kommission selbst schreibt zu Ihrer Prognose:

    „Diese Prognose basiert auf verschiedenen externen Annahmen in Bezug auf Wechselkurse, Zinssätze und Rohstoffpreise. Die verwendeten Zahlen spiegeln die zum Zeitpunkt der Prognose von Derivatemärkten abgeleiteten Markterwartungen wider.“

    Noch im November schreibt das Handelsblatt:

    „Die EU-Kommission blickt deutlich skeptischer auf die Konjunktur in der Euro-Zone. Brüssel senkt die Wachstumsprognose für dieses und nächstes Jahr deutlich und erwartet erst 2016 wieder spürbare Besserung.“ ( http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/eu-senkt-wachstumsprognose-euro-zone-krankt-weil-deutschland-hustet/10929780.html )

    Irgendwann geht jede Krise vorbei, auch trotz einer katastrophalen Wirtschaftspolitik die dafür gesorgt hat, dass Millionen Menschen unnötig leiden und viele in Folge der Krise sogar sterben mussten. Das mit dem lapidaren Satz

    „Die Wirtschaftshistoriker werden sich noch lange darüber streiten, ob man die Krisen der vergangenen Jahre mit weniger Wohlstandsverlusten hätte beenden können.“

    abzutun hat etwas Zynisches.

  • Tja, da haben wir aber Glück, dass die Kommentatoren mehr Ahnung vom Thema haben als der Herr Redakteur-Experte. Aber halt.... er MUSS das ja so schreiben, denn er handelt in staatlichem Auftrag.
    Und der lautet nun mal "Wir finden die EU toll!".

  • @Azaziel

    Schlüssig und stringent argumentiert. So soll es sein.

    Die "Morgendämmerung" hat durchaus das Zeug zur "Götterdämmerung" zu werden.
    Um das zu verhindern, steht eine Daueralimentierung der Griechen ins Haus.

    Die Verantwortlichen müssten im Fall eines Grexit sich der Frage stellen warum sie Milliarden und Abermilliarden in den Wind geschossen haben und die Pleite Griechenlands nicht schon 2010 als Pleite behandelt haben.

    Insolvenzverschleppung in der Politik "Rettung" genannt ist schließlich nicht irgendeine vernachlässigbare Straftat sondern etwas ganz anderes.

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