Kommentar zur Flüchtlingstragödie in Österreich
Null Toleranz für Schlepper

Dutzende tote Flüchtlinge in einem Lastwagen – ein grausiger Leichenfund erschüttert Österreich. Skrupellose Menschenhändler sind für diese Tragödie verantwortlich. Für Schlepper darf es Null Toleranz geben.
  • 15

Österreich ist im Schockzustand. Dutzende toter Flüchtlinge in einem Lastwagen, abgestellt auf einem Autobahn-Parkplatz unweit des Urlaubsparadieses Neusiedler See trifft die Alpenrepublik bis ins Mark. Die entsetzliche Flüchtlingstragöde führt vor Augen: Nicht nur das Elend, sondern auch der Tod kommen immer näher. Bislang schien das grausame Spiel der Schlepperbanden weit weg – irgendwo im Mittelmeer, zwischen Nordafrika und Süditalien. Das hat sich mit dem grausigen Leichenfund, eine gute halbe Stunde von Wien, geändert.

Noch ist die Zahl der Toten nicht bekannt. Von den Verbrechern fehlt jede Spur. Doch eines ist klar: Die grausame Tat wird die Diskussion um die Flüchtlinge grundlegend verändern. Die Nachricht, die am Donnerstag wie ein Blitz auf der Balkan-Konferenz in der österreichischen Hauptstadt, an der auch Kanzlerin Angela Merkel teilnahm, einschlug, löste Entsetzen bei den Regierungschefs aus. Sichtlich betroffen erinnerte der österreichische Bundeskanzler an das Recht auf Asyl für Menschen, die vor Krieg und Gewalt in ihrer Heimat fliehen müssen.

Doch statt ihr Leben zu retten, haben die Flüchtlinge durch Schlepper ihren Tod gefunden. Es ist bezeichnend, dass auf der Balkan-Konferenz in Wien keine verschärften Maßnahmen gegen die Menschenhändler vereinbart wurden. Überhaupt spielte das Thema der Schlepperei bei der Suche nach Lösungen des Flüchtlingsproblems bislang nur eine bescheidene Nebenrolle. Das ist ein Riesenfehler.

Gerade auf dem Balkan hat sich ein lukrativer Menschenhandel mit den Migranten aus Syrien, Irak oder Afghanistan entwickelt. Wie mörderisch dieses „Geschäft“ ist, demonstriert der grausige Fund der vielen Leichen in Österreich nahe der ungarischen Grenze auf dramatische Weise.

Schlepperei hat sich zu einem Wirtschaftszweig in Südosteuropa entwickelt. Allein in Kosovo sollen Schlepper nach Angaben von Insidern in Pristina im vergangenen Winter mit Flüchtlingen einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro erzielt haben. Das kleine Balkan-Land ist dabei nicht einmal eine Ausnahme. Auch in anderen Staaten blüht das organisierte Verbrechen mit den Migranten. Es ist kein Zufall, dass es bei der Flüchtlingstragödie in Österreich um einen Kühl-Lkw eines Rumänen mit ungarischen Kennzeichen und slowakischer Herkunft handelt. Verbrecher ziehen ihre Fäden über Ländergrenzen hinweg.

Die Toten von Österreich sind eine Verpflichtung, gemeinsam in Europa gegen das organisierte Verbrechen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vorzugehen. Das heißt konkret, dass die EU die Balkan-Staaten noch viel stärker verpflichten muss, gegen die organisierte Kriminalität im eigenen Land vorzugehen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Sicherheitskräfte in manchen EU-Beitrittskandidatenländern in Südosteuropa beim Menschenhandel nicht so genau hinsehen. Dafür darf es Null Toleranz geben. Das sind wir den toten Flüchtlingen von Österreich schuldig.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

Kommentare zu " Kommentar zur Flüchtlingstragödie in Österreich: Null Toleranz für Schlepper"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Das reichste Land der Welt sollte den Menschen bis an die Grenzen des machbaren helfen!
    Niemand möchte Wohlstand verlieren und die Politik(er) sind schlau genug das zu erkennen und im Hinterzimmer Maßnahmen dagegen zu entwerfen. Das geht aber nicht von Heute auf Morgen...
    Menschen die permanent die Intelligenz von Politikern bezweifeln, haben selbst einfach zu wenig Fachwissen/Bildung um komplexe Zusammenhänge zu erkennen.

    Ich würde nicht die Entscheidung treffen, erstmal 10000 Menschen im Meer ertrinken zu lassen, damit die anderen abgeschreckt werden. (Zumal ich im nächsten Urlaub auch wieder im Mittelmeer schwimmen gehen möchte). Wer das tatsächlich fordert ist einfach eine unappetitliche Körperöffnung.

    Seit wann ist es übrigens eine Beleidigung zu versuchen ein Guter Mensch zu sein?

    Im übrigen:
    1. Sachleistungen statt Geldleistungen
    2. Flüchtlinge nur noch aus Kriegsgebieten aufnehmen
    3. Einen Höchstsatz an möglichen Zuwanderungen p.a. definieren, welchen unsere Wirtschaft verkraften kann.
    3. Qualifizierte, Kinder und Kranke bevorzugen.
    4. Mehrfach straffällig gewordene abschieben (wohin?)
    4. Jedem der Asoziale und Menschenfeindliche Statements von sich gibt, aus Angst ein bisschen Wohlstand abzugeben, jedes Recht auf Sozialleistungen entziehen. (Schwierig, aber Asoziale sollten Asozial behandelt werden :)
    5. Keine Demokratischen Rechte für feinde der Demokratie.
    6. Keine Toleranz für Intolerante Menschen (gilt für Deutsche wie für Islamisten oder andere)


    Ich habe mich nun angemeldet und einen Kommentar verfasst, da ich das Handelsblatt sehr gerne lese. Wenn ich allerdings bei diesen Themen zu den Kommentaren scrolle, frage ich mich manchmal wie die Leute es schaffen ihren PC anzuschalten. Ich denke die überwiegende Zahl der Handelsblatt Leser sind Menschenfreunde und haben andere Probleme als sich über Politiker/Europa/Banken/Demokratie/Gutmenschen/Asylbewerber, ... usw. auszukotzen. Bzw. diesen dumpfen Parolen etwas entgegen zusetzen.

    In diesem Sinne

  • Die Merkel ist doch so eng bereundet mit Erdogan. Also warum redet sie nicht mit ihm?
    Warum läßt Erdogan es zu, dass von der Türkei aus Schlepper tätig sind?

  • Herr aus NRW
    Genau so ist es.
    Wenn eine Firma so arbeiten würde, wie diese Dödel im Bundestag, gäbe es bei uns keine Firmen mehr

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%