Kommentar zur Griechenland-Wahl
Tsipras' nächste Stunde der Wahrheit

Griechenlands Premier Tsipras bekommt eine zweite Chance: Seine linke Syriza gewinnt die Parlamentswahlen und darf weiterregieren. Doch die Umsetzung der Sparmaßnahmen könnte die Partei zerreißen.
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AthenEr habe Fehler gemacht, gestand Alexis Tsipras im Wahlkampf. Aber, so erklärte der Ex-Premier sinngemäß, er habe es gut gemeint und verdiene deshalb „eine zweite Chance“. Er hat sie bekommen. Die Enttäuschung vieler Wähler über die nicht eingelösten Wahlversprechen des Links-Premiers und die Frustration über das neue Sparprogramm waren sicher groß – auch wenn viele die utopischen Ankündigungen des Linkspopulisten schon im Januar nicht für bare Münze nahmen. Aber noch größer als diese Ernüchterung war offenbar die Abneigung vieler Wähler gegen eine Rückkehr der konservativen Nea Dimokratia an die Macht, einer der beiden traditionellen griechischen „Systemparteien“, die mit Vetternwirtschaft und Schuldenmachen das Land vor die Wand gefahren haben.

Tsipras hat die Wahl gewonnen. Er kann sich sogar als ein strahlender Sieger fühlen. Denn er blieb nur knapp unter seinem Ergebnis vom Januar – trotz unerfüllter Wahlversprechen, trotz Bankenschließungen und Kapitalkontrollen. Die Prognosen der Demoskopen, die noch in der Woche vor der Wahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhersagten oder sogar die Konservativen in Führung sahen, sind Makulatur. Was für Tsipras ein besonderer Triumph ist: Die Rebellen vom linksextremen Syriza-Flügel, die sich von ihm losgesagt hatten und bei dieser Wahl unter dem Banner der Volkseinheit antraten, scheiterten kläglich an der Dreiprozenthürde.

Die griechischen Wähler haben Tsipras ein klares Regierungsmandat gegeben. Sie verweigerten ihm aber die absolute Mehrheit, um die er gekämpft hatte. Das ist gut so. Denn keine Partei kann Griechenlands Probleme allein lösen. Schon gar nicht das zerrissene Linksbündnis Syriza, das am Streit über das neue Spar- und Reformprogramm zu zerbrechen droht. Trotz der Abspaltung des linksextremen Flügels ist die Partei keineswegs mit sich im Reinen. Ihr Zusammenhalt könnte schon bald auf eine kritische Probe gestellt werden – wenn nämlich in den nächsten Wochen die Verabschiedung weiterer unpopulärer Reform- und Sparmaßnahmen ansteht.

Aber nicht nur über der Geschlossenheit von Syriza schweben Fragezeichen. Was will Tsipras? Für ihn schlägt nun die Stunde der Wahrheit. Er soll in den kommenden Monate und Jahren das neue Anpassungsprogramm umsetzen. Doch in den vergangenen Wochen sprach Tsipras von dem Rettungspaket, das seinem Land bis zu 86 Milliarden Euro in frischen Hilfskrediten verspricht, als einem Abkommen, das ihm aufgezwungen worden sei und „an das ich nicht glaube“.

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„Zweite Chance“ auch als Syriza-Chef

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  • Wieso hat A. Merkel die Krise gelöst?

    Griechenland ist auf einem guten Weg! Basta!

    Das geht doch wie von selbst.


  • Ob sich die Griechen nun linke Sprücheklopfer, konservative Diebe, oder rechte Faschisten wählen, ganz egal:

    Solange sie sich ihr von Korruption zerfressenes Gesellschaftssystem mit Hilfe von Geld ihrer EU-Nachbarn erhalten wollen, müssen sie wohl oder übel die Bedingungen dieser Geldgeber erfüllen.

  • Ha ha ha....Genau!!! :-)

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