Kommentar zur Labour-Urwahl
Vorwärts in die Vergangenheit

Mit Fanfaren wurde der Labour-Außenseiter Jeremy Corbyn von seiner Partei an die Spitze gewählt. Der haushohe Sieg des Ultralinken könnte Großbritannien jedoch zurück in die Achtziger Jahre führen, sagt Matthias Thibaut.

LondonEs ist ein Sieg wie ein Erdrutsch: Labour hat mit der Wahl des ultralinken Außenseiters Jeremy Corbyn zum Parteichef eine sensationelle Epochenwende eingeleitet, die das politische Establishment Großbritanniens – und möglicherweise das gesamte System – in seinen Grundfesten erschüttern wird. Es war ein Graswurzel-Putsch, bei dem sich Gewerkschaften, Labour-Traditionalisten und eine neue Protestgeneration zu einer Generalattacke auf die Politik verbündeten – und haushoch gewannen. Die Polit-Profis der Blair-Generation saßen wie betäubt dabei, als Corbyn in seiner Dankesrede nach der Wahl eine neue Politik von „Hoffnung und Optimismus“ versprach.

Sicher ist, dass die Labourpartei Tony Blairs mit dieser Wahl nach langem Siechtum zu Grabe getragen wurde. Schon am Freitag vollzog Labour den Bruch, als statt der Blair-Nachfolgerin Tessa Jowell der linke Sadiq Khan, ein Muslim, zum Kandidaten für das Londoner Bürgermeisteramt gewählt wurde. Ein weiteres Symbol ist der neue Vize-Parteichef Tom Watson. Er war derjenige, der 2007 den Putsch gegen Blair einleitete.

Blair war nicht nur wegen seiner drei Wahlsiege der erfolgreichste Labourchef der Nachkriegsgeschichte. Keine Regierung prägte das moderne, liberale, gelassene, offene Großbritannien so sehr wie in den Jahren unter Blair. Sein Erbe zerbrach an den giftigen Folgen des Irak-Kriegs und der großen, wirtschaftspolitischen Fehlkalkulation, die Großbritannien im Moment der höchsten Gefahr in der Bankenkrise am verwundbarsten machte – weil das Strukturdefizit so hoch war. Aber Blairs Rezepte, die Versöhnung von sozialer Gerechtigkeit und Solidarität mit modernen Werten wie persönlichem Ehrgeiz, Materialismus, Selbstbestimmung sind damit nicht widerlegt. Sie waren in Zeiten starker Wirtschaft und verfügbaren Geldes nur eben leichter umzusetzen als in Zeiten von Sparsamkeit und hoher Defizite.

Ist Corbyn wirklich der Beginn einer neuen Politik? Hat der Graubart im Pullover, der 32 Jahre lang als Dauerrebell auf den Hinterbänken saß, die Antwort auf die Irrungen und Wirrungen des globalen Kapitalismus? Oder ist dieser Herold einer neuen Epoche, in der Solidarität und kollektives Zusammenstehen wieder zählen, in Wirklichkeit ein Don Quijote, der seine Partei in Kämpfe gegen Windmühlen führen wird – abseits in eine „Alice in Wunderland“ Politik, wie Tony Blair prophezeit?

Corbyn rief, wie könnte er anders, zu Einheit und Solidarität auf. Aber dass sich die Labourpartei nun als schlagkräftige Glaubensgemeinschaft hinter seinen teilweise abstrusen Ideen schart (wie Nato-Austritt oder Wiedereröffnung von Kohlebergwerken), ist unwahrscheinlich. Noch unwahrscheinlicher ist, dass Corbyn sich vom fundamentalistischen Ideologen zu einem pragmatischen Operateur mausern kann, der parteieinigende Kompromisse findet und damit die nächsten vier Jahre durchhält, um 2020 als Labour-Kandidat gegen die Tories anzutreten. Eine seiner ersten schweren Entscheidungen muss er bis zum nächsten Mittwoch treffen, wenn er in der Fragestunde Premier Cameron als neuer „Chef der offiziellen Opposition“ gegenübersteht. Wird er Pullover und Fahrrad gegen Anzug und Chauffeur tauschen – und damit gleich einen Teil seiner „Authentizität“ einbüßen?

Viel hängt davon ab, wie die Tories reagieren. Sie konnten das politische Terrain seit 30 Jahren nicht mehr so konkurrenzlos beherrschen. Der ganze Süden Englands hat im Mai Tory gewählt, verschreckt von der linken Politik Labours unter Ed Miliband. Kaum zu glauben, dass Corbyn diese Wähler nun mit noch extremeren Plänen gewinnen kann. Aber werden die Tories als neue, einzige, staatstragende „One Nation“-Partei die nun freigewordene Mitte besetzen und nach links rücken? Oder setzen sie auf den Kontrast und unterstreichen ihre konservativen Werte – niedrige Steuern, Selbstverantwortung, einen sparsamen Sozialstaat, der fair nicht nur für die ist, die von ihm leben, sondern auch für diejenigen, die ihn bezahlen?

Es könnte bitter, zerstritten und spalterisch werden: zurück in die Achtzigerjahre, als die Reformpolitikerin Margaret Thatcher und die Gewerkschaften, Neoliberale und Sozialisten sich so aufreibende und kostspielige Kämpfe lieferten.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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