Kommentare internationaler Zeitungen
Auslandspresse: „Bankrotterklärung gegenüber Opfern“

Der Tod des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic in seiner Gefängniszelle des UN-Tribunals für Kriegsverbrechen auf dem Balkan wird am Montag in zahlreichen ausländischen Zeitungen kommentiert. Der Gerichtshof muss harsche Kritik einstecken.

So schreibt die angesehene britische Times: „Die peinlichere Frage ist, warum Milosevic gestorben ist. Vor allem, warum die Gefängnisleitung, die während des Kriegsverbrecherprozesses für sein Wohlergehen verantwortlich war, so völlig überrascht von seinem Tod zu sein scheint. Es ist mehr als zutiefst bedauerlich, dass Milosevic die Justiz betrügen konnte. In der Gefangenschaft des Westens hätte sein Leben mit all der Sorgfalt beschützt werden sollen, mit der er selbst das Leben anderer vernichtete. Die Tatsache, dass ihn der Tod so plötzlich holen konnte, ist eine Bankrotterklärung gegenüber seinen Opfern, den lebenden wie den toten. Was auch immer die Autopsie ergeben mag: Sie wird Platz lassen für vorhersehbare Verschwörungstheorien.“

Die Neue Zürcher Zeitung fürchtet, dass Milosevic' Tod die Aufarbeitung der Vergangenenheit in Serbien behindert: „Jetzt kann man sich damit herausreden, Milosevic sei nicht verurteilt worden und deshalb unschuldig. ... Es fehlt die Einsicht in die Notwendigkeit, sich mit den von Serben im Namen Serbiens begangenen Untaten auseinanderzusetzen. Rechtsstaatliche Prinzipien werden politischem Opportunismus untergeordnet. Nur wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Aufarbeitung der Kriegsgreuel die Voraussetzung für einen funktionierenden Rechtsstaat ist, kann Serbien das unheilvolle Erbe Milosevics endlich hinter sich lassen.“

Die rumänische Zeitung Gandul ist dieser Meinung: „In der Zelle in Den Haag starb mit Milosevic auch die Glaubwürdigkeit des Internationalen Gerichtshofs. Zufällig oder nicht, die meisten, denen in Den Haag der Prozess gemacht wird, sind Serben - bosnische Serben, Serben aus Kroatien, serbische Serben. Vor kurzem hat der Internationale Gerichtshof die Klage des bosnischen Staates gegen Serbien wegen Völkermords zugelassen. Die Verurteilung eines ganzen Volkes kann die Wunden in Mitteleuropa nicht heilen. Und im Prozess, der folgen wird, werden viele Serben einen nicht verurteilten, nicht als schuldig befundenen, in seiner Zelle in Den Haag gestorbenen Milosevic vor Augen haben. Das wird die Rache von Milosevic an dem Westen, aber auch am eigenen Volk sein.“

Das russische Blatt Iswestija zieht eine Bilanz von Milosevic' Herrschaft: „Das Wirken eines Führers wird nach den Ergebnissen beurteilt, und da sieht es bei Milosevic traurig aus. Milosevic hat alle Kriege verloren, in die er verwickelt war: in Kroatien, Bosnien und vor allem im Kosovo. Als Slobodan Milosevic 1989 an die Macht kam, war Jugoslawien ein blühendes europäisches Land, dessen Bürger visafrei durch den ganzen Kontinent reisen durften. Seine Herrschaft machte aus Serbien einen internationalen Außenseiter, eine der ärmsten Regionen des Balkans. Serbien hat das Kosovo faktisch schon verloren und wird bald auch Montenegro verlieren und damit seinen Zugang zum Meer.“

Der in Wien erscheinende Standard kommt zu diesem Schluss: „Der „Schlächter vom Balkan“ hinterlässt ein schweres Erbe - für die Serben, ihre Nachbarn und die Europäer. Der nicht abgeschlossene Prozess gegen Milosevic ist eine Art juristische Hypothek für die gesamte Region, betreffen die Anklagepunkte doch den Kroatien-, Bosnien- und Kosovokrieg. Eine unmittelbare Mitschuld Milosevic' an Kriegsverbrechen konnten die Haager Ankläger wohl nur bei Verbrechen der serbischen Armee im Kosovokrieg belegen, in dem die direkte Befehlskette zu Milosevic führte. Dennoch: Ein endgültiges Urteil gegen Milosevic hätte eine Zäsur gebracht, so wie sein Tod jetzt alle Fragen offen lässt.“

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