Kommissionschef ist ein Jahr im Amt
Barroso: Das Brüsseler Chamäleon

Ein Jahr ist der Mann aus Lissabon jetzt Chef der Brüsseler Riesenbehörde. So viel Kritik in so kurzer Zeit hat schon lange kein Inhaber eines wichtigen politischen Amtes einstecken müssen. Doch EU-Kommissionspräsident Barroso denkt nicht daran, in Sack und Asche zu gehen.

BRÜSSEL. Die Streifen von der Fasanenbrust sind schon erkaltet, als José Manuel Barroso endlich zu Messer und Gabel greift. Wenn der EU-Kommissionspräsident beim Lunch seine Sicht von Europa erläutert, bleibt für Speisen und Trank wenig Zeit. Barroso ist nicht der Typ für das Kurzreferat, und seine Hände braucht er für große Gesten. Er faltet sie wie zum Gebet, ballt sie zu Fäusten und beschreibt mit ihnen Kreise in der Luft. Nicht allein der Vortrag des Portugiesen, sein ganzer Körper signalisiert: Die Lage ist ernst, aber unter Kontrolle. Dank José Manuel Barroso selbstverständlich.

Ein Jahr ist der Mann aus Lissabon jetzt Chef der Brüsseler Riesenbehörde. So viel Kritik in so kurzer Zeit hat schon lange kein Inhaber eines wichtigen politischen Amtes einstecken müssen. Doch Barroso denkt nicht daran, in Sack und Asche zu gehen. Mögliche Selbstzweifel verbirgt er hinter einer sorgsam gepflegten Fassade. „Ich wusste, dass das ein schwieriger Job sein würde. Deshalb mag ich ihn ja so“, sagt er mit bübischem Lächeln.

Dass ihn alle Welt als zweite Wahl bezeichnet, lässt ihn äußerlich kalt. Dass Staatspräsident Jacques Chirac ihm zeitweise Redeverbot in Frankreich erteilt hat, löst ein Achselzucken aus. „Neulich habe ich von Absolventen der französischen Eliteschule Ena stehenden Applaus bekommen“, erwidert er mit Stolz in der Stimme.

Chirac scheint für den 49 Jahre alten Kommissionschef das alte Europa zu repräsentieren, für das es sich nicht lohnt, emotionalen Einsatz zu zeigen. „Manche denken noch wie in den 80er Jahren“, sagt er. „Aber wir leben im 21. Jahrhundert.“ Ganz so, als sei das eine sensationelle Erkenntnis, hebt Barroso die Stimme zum altissimo und singt seine Worte heraus wie ein Kontratenor.

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