Kommunalwahl in Nordkorea
Kim Jong Un baut an seinem Paradies

Ein Drittel der Nordkoreaner hat nicht genug zu essen. Doch Machthaber Kim Jong Un bastelt an Atomwaffen. Seine Auftritte sind Inszenierungen – so wie die Kommunalwahl am Sonntag. Besuch in einem eingekapselten Land.
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PjöngjangAuf den ausgeklappten Fernsehschirmen unter der Kabinendecke der russischen Tupolew läuft ein Auftritt der Moranbong-Musikgruppe. „Kim Jong Un hat alle Mitglieder der Frauenband persönlich ausgesucht“, verrät ein kundiger Mitreisender, während sich die Maschine von Air Koryo dem nordkoreanischen Luftraum nähert. In weißen Uniformen, kurzen Röcken und hohen Stöckelschuhen spielen die Musikerinnen auf dem TV-Schirm eine Mischung aus Pop und Klassik - hinter ihnen auf der Leinwand steigt eine Rakete in den Himmel auf, rollen Panzer oder marschieren Truppen im Stechschritt.

„Wir überfliegen jetzt den Yalu-Fluss“, erfolgt die Durchsage der Stewardess auf Koreanisch und Englisch. Es ist die Grenze zwischen China und Nordkorea: „Unser Vaterland, das der große Führer Kim Il Sung befreit hat“, verkündet die Stimme aus dem Flugzeuglautsprecher betont leidenschaftlich. Ein mysteriöses Land - verschlossen, stalinistisch geführt. Was ist das für ein Staat, der seit zwei Jahrzehnten für seine 25 Millionen Menschen nicht genug zu essen hat, aber Atomwaffen baut und die Welt in Angst und Schrecken versetzt?

Hartmut Koschyk sitzt mit einer zehnköpfigen Delegation in den rot-grauen Ledersitzen der Tupolew. Der CSU-Politiker reist nicht zum ersten Mal nach Pjöngjang. Der Vorsitzende der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe versucht wie kein anderer deutscher Politiker, die wenigen Gesprächskanäle zu dem abgeschotteten Land offenzuhalten. Er will Vertrauen schaffen, Spannungen auf der koreanischen Halbinsel abbauen. Beide Koreas sind wegen der besonderen deutschen Erfahrungen mit der Wiedervereinigung sehr an Deutschland interessiert.

„Wir können nicht Vermittler sein, aber ehrlicher Ratgeber“, sagt Koschyk. In seiner Delegation sind Vertreter von Wirtschaft, Wissenschaft, Kirche, Medien und der Hanns-Seidel-Stiftung, die in Nordkorea unter anderem ein Aufforstungsprojekt unterstützt. Ein Unternehmer hatte kurz vorher abgesagt - aus Angst vor Nordkoreas Airline: „Ich bin Ingenieur und fliege nicht mit Air Koryo.“

Im Anflug ist aus dem Flugzeugfenster Nordkoreas Hügellandschaft zu sehen. Die Bäume sind abgeholzt - zu Brennholz gemacht, weil Energie fehlt. Es wachsen meist nur noch Büsche. Die bebauten Felder reichen die Hänge viel zu weit hoch, um dem wenigen bebaubaren Boden möglichst viel Nahrung abzutrotzen. Leichtes Spiel für den Regen, der fruchtbares Erdreich abspült. Aus der Luft ist zu erkennen, wie Hänge abgerutscht sind. Die Bodenerosion ist ein riesiges Problem, wie selbst der junge Machthaber Kim Jong Un erkannt hat. Er hat das Volk zum „Wiederaufbaukampf für die Wälder“ aufgerufen.

Die Tupolew landet im Abendlicht auf der neuen Landebahn des ausgebauten Flughafens von Pjöngjang. Die Sonne spiegelt sich in der glitzernden Fassade der neuen Abfertigungshalle. Daneben Propellermaschinen, kleine Jets, russische Iljuschins. „Keine Fotos“, herrscht ein Uniformierter Reisende an, die auf der Flugzeugtreppe intuitiv ihre Kameras zücken. Neben dem Rollfeld pflanzen Tausende Soldaten jeden Grashalm einzeln, bewässern das zarte Grün aus großen Schläuchen. Jenseits des Flughafenzauns auf den staubigen, trockenen Äckern wäre das Wasser besser zu gebrauchen.

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  • Freie Wahlen in einem freien und demokratischen Land
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    Kim Jong-un hat zur Kommunalwahl aufgerufen und (fasst) Alle sind gekommen.
    Die Wahlbeteiligung lag bei 99,7%.
    Es war ein Volksfest. Die Leute haben gefeiert, getanzt und gesungen.
    Es waren wirklich "freie" Wahlen. Es gab nur einen Kandidaten welcher vom Politbüro vorgegeben wurde. Die Wähler hatten die Möglichkeit mit Ja oder Nein abzustimmen.
    Das ist "gelebte Demokratie"!

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