Konflikt mit USA: Nordkorea will ausländische Botschaften räumen

Konflikt mit USA
Nordkorea will ausländische Botschaften räumen

Pjöngjang hat wohl Raketen per Zug an die Ostküste transportiert, die theoretisch US-Inseln treffen könnten. Die USA halten einen baldigen Raketenstart für wahrscheinlich. Derweil sollen die Botschaften geräumt werden.
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Seoul/MoskauPjöngjang heizt die Konfrontation auf der koreanischen Halbinsel weiter an. Der kommunistische Staat, der zuletzt mit einem Angriff auf den Süden und die USA sowie einem Atomschlag drohte, legte am Freitag mehreren Ländern den Abzug ihrer Diplomaten aus der Hauptstadt Pjöngjang nahe. Betroffen ist neben Russland und Großbritannien unter anderen auch Deutschland, wie die Nachrichtenagentur dpa in Berlin erfuhr.

Nordkoreas Militär verlegte eine zweite Mittelstreckenrakete an die Ostküste des Landes, wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete. Bereits am Vortag hatte das südkoreanische Verteidigungsministerium mitgeteilt, dass Nordkorea eine Mittelstreckenrakete an die Ostküste verlegt habe. Die Flugkörper haben eine Reichweite von bis zu 4000 Kilometern und könnten Südkorea, Japan oder eine US-Militärbasis auf der Insel Guam im Pazifik treffen.

Die USA schließen einen erneuten Raketenstart Nordkoreas nicht aus. Die Regierung verfolge Berichte über entsprechende Vorbereitungen in Nordkorea sehr genau. „Wir wären nicht überrascht, wenn wir eine solche Aktion sehen würden“, sagte Regierungssprecher Jay Carney am Freitag vor Journalisten in Washington. Ein solcher Schritt würde zur derzeitigen kriegerischen Rhetorik des kommunistischen Regimes passen.

Man arbeite eng mit China und Russland zusammen, um auf Nordkorea Einfluss zu nehmen, fügte Carney hinzu. Das kommunistische Regime solle seinen internationalen Verpflichtungen nachkommen. Nordkorea droht den USA seit Tagen mit einem Atomschlag.

Großbritannien, Russland und Rumänien erklärten, Nordkorea habe vor Gefahren für das Botschaftspersonal beider Länder in Pjöngjang gewarnt. Eine Aufforderung zur Evakuierung der Vertretung habe es aber nicht gegeben, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in London. Es gebe auch keine entsprechenden Pläne. Die Warnung bezeichnete er als „Teil der derzeitigen Rhetorik Nordkoreas“. Die USA zeigten sich weiterhin gelassen. „Das ist nur eine eskalierende Serie rhetorischer Stellungnahmen“, sagte Viktoria Nuland, Sprecherin des States Departments am Freitag. Sie fügte allerdings hinzu: „Die Frage ist, mit welchem Ende.“

Die Londoner Regierung berichtete von einer Warnung, dass Nordkorea „im Falle eines Konflikts nach dem 10. April“ nicht in der Lage sei, Botschaften und internationale Organisationen zu schützen. Die Bedeutung dieses Datums blieb zunächst unklar. Beobachter schließen nicht aus, dass das kommunistische Regime anlässlich der Feierlichkeiten zum 101. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung am 15. April die Raketen abschießen könnte, dem Großvater des heutigen Machthabers Kim Jong Un.

Nach Angaben des Presseattachés der russischen Botschaft in Pjöngjang, Denis Samssonow, empfahl das nordkoreanische Außenministerium den Russen den Abzug ihrer Diplomaten und Mitarbeiter. Russlands Außenminister Sergej Lawrow zeigte sich besorgt. „Wir klären gerade die Einzelheiten, dann treffen wir eine Entscheidung.“

Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte eine solche Warnung zunächst nicht. Offiziell hieß es: „Die Sicherheit und Arbeitsmöglichkeit unserer Botschaft in Pjöngjang wird angesichts der Eskalation laufend überprüft.“ Linken-Vorstandsmitglied Wolfgang Gehrcke plädierte dafür, die Botschaft in Pjöngjang nicht zu räumen und diplomatische Kanäle offen zu halten.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) ließ am Freitag Nordkoreas Botschafter in Berlin einbestellen. Dem Diplomaten sei „in deutlichen Worten die sehr große Sorge der Bundesregierung angesichts der von Nordkorea zu verantwortenden Eskalation“ vermittelt worden, sagte Ministeriumssprecher Andreas Peschke. Das jüngste Vorgehen der Führung in Pjöngjang sei „im Ton und in der Sache in keiner Weise akzeptabel“.

Das rumänische Außenministerium berichtete, dass die nordkoreanische Regierung die Evakuierung aller Botschaften in Pjöngjang empfohlen habe. Nach Aussage einer Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton stehen die Botschaften der EU-Staaten in Nordkorea in ständigem Kontakt miteinander, um möglichst einheitlich auf die Bedrohung zu reagieren. Von den 27 EU-Mitgliedern sind aktuell nur sieben in Pjöngjang mit Botschaftern vertreten.

UN-Generalsekretär Ban hatte Nordkorea zuvor zu einem Kurswechsel aufgerufen. „Atomwaffen sind kein Spielzeug“, betonte der Südkoreaner am Donnerstag. Es bestehe die Gefahr, dass der Konflikt außer Kontrolle gerate. „Ich bin besorgt, denn jeder Kalkulationsfehler und jede Fehleinschätzung können in der jetzigen Lage auf der koreanischen Halbinsel eine Krise auslösen, die äußerst schwerwiegende Folgen hätte.“

Rückendeckung für Nordkorea gab es aus dem Iran, der ebenfalls wegen seiner Atomprogramme unter internationalem Druck steht. Der südostasiatische Staat habe angesichts der „kriegstreiberischen Politik“ der USA keine andere Wahl, als sich zu wehren, zitierte die Nachrichtenagentur Fars am Freitag den Vize-Chef des iranischen Militärs, Massoud Jazayeri.

Eine Entspannung ist auch in dem von Nord- und Südkorea gemeinsam betriebenen Industriepark Kaesong nicht in Sicht. Die Führung in Pjöngjang verweigert seit Mittwoch sowohl südkoreanischen Pendlern als auch Lieferanten die Einreise. Wegen eines Feiertages in Nordkorea erschienen die 53 000 nordkoreanischen Mitarbeiter am Freitag ohnehin nicht zur Arbeit in den 123 Unternehmen.

Unterdessen bekannten sich Aktivisten der Hacker-Bewegung Anonymous zu Angriffen auf nordkoreanische Internet-Angebote. Als eigene „Demonstration der Macht“ schrieben sie an Diktator Kim Jong Un gerichtet: „Wir sind in euren Intranets. Wir sind in euren Mail-Servern. Wir sind in euren Web-Servern.“

Die Lage auf der koreanischen Halbinsel gilt seit dem dritten Atomtest in Nordkorea im Februar als extrem gespannt. Pjöngjang hatte als Reaktion auf die Ausweitung von UN-Sanktionen und südkoreanisch- amerikanische Militärmanöver den Waffenstillstandsvertrag von 1953 aufgekündigt. Am Samstag rief Pjöngjang den „Kriegszustand“ im Verhältnis zu Südkorea aus. Seit den 1950er Jahren befinden sich die Nachbarn formell weiter im Krieg.

Mit längerfristigen Belastungen für die Finanzmärkte rechnet Südkoreas Vize-Finanzminister Choo Kyung Ho durch den aktuellen Konflikt. "In der Vergangenheit haben sich die Märkte schnell von den Auswirkungen durch Ereignisse im Zusammenhang mit Nordkorea erholt, aber die jüngsten Drohungen Nordkoreas sind stärker und die Folgen könnten sich deswegen nicht so schnell in Luft auflösen", sagte Choo zu Beginn eines Gesprächs mit hochrangigen Vertretern von Wirtschaftsverbänden. Ziel des Zusammentreffens war es, Maßnahmen zu diskutieren, um die Stabilität der Märkte zu gewährleisten. Choo rief dazu auf, schnell und entschlossen einzugreifen, wenn es nötig sei.

Am Freitag verlor der südkoreanische Leitindex Kospi 1,65 Prozent. Bisher haben sich die Auswirkungen des Konflikts auf der koreanischen Halbinsel auf die Finanzmärkte aber in Grenzen gehalten.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Zu den FORDERUNGEN: Wir wollen unseren Laden für Terroristenbedarf an der Ecke wiederhaben! Und wir wollen nicht daSZ unser UMTS oder WLAN gesperrt/gejammt UEberwacht oder zensiert wird!

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  • @Leo_X / @bjarki
    Wie war das nochmal mit dem kleinen aber schnellen David, und mit dem riesigen aber behäbigen Goliath?
    Goliath war hochgerüstet, hatte jedoch einen freien Fleck auf der Stirn, wo ihn dann der Stein aus Davids Schleuder traf und den Riesen ohnmächtig vom Sattel holte.

    Der ganzer Aufmarsch Nordkoreas wäre bestens zum Lachen geeignet, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass selbst in den strengsten Ostblock-Zeiten NK weitgehend seine Selbständigkeit behaupten konnte UND es trotz allen weltumspannenden Radikal-Sanktionen zu Atombomben und Langstrecken-Raketen brachte.
    Es wird immer wieder hervorgehoben, dass VR China große Vorteile vom einen begrenzten Konflikt der USA und NK hätte... Doch bitte dabei Russland nicht vergessen!
    Russland hat auch eine Grenze zu NK und es hat auch die Kriegstechnologie, die über NK-Umweg den Amerikanern wirklich gefährlich werden könnte. Die beste Gelegenheit außerdem für die Stationierung des Raketenabwehrsystems in Polen und Tschechien auf der anderen Seite Eurasiens, der Schwachstelle Amerikas und NATO, diesen evtl. sogar effektvolle Parolis zu bieten.
    -
    Es gibt da natürlich noch weitere Überlegungen...


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