Konflikt
Südkorea erhöht Alarmbereitschaft

Nordkorea verbreitet weiter Kriegsstimmung, Dem eigenen Volk suggerierte Pjöngjangs Propaganda, dass der Westen demnächst das Land angreifen könnte. Südkorea erhöht seine Wachsamkeit und warnt warnt vor Kriegstreiberei.

TOKIO. „Die Pläne einer nordwärts gerichteten Invasion durch die USA und das südkoreanische Marionettenregime haben das alarmierende Niveau überschritten“, hieß es in einer Meldung der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA. Ein kleiner Zwischenfall könne zu einem Atomkrieg führen, ließ Machthaber Kim Jong-Il drohen. Am Montag hatte Nordkorea eine Atomwaffe getestet und damit eine internationale Krise heraufbeschworen.

Südkorea reagierte mit einer Erhöhung der Alarmbereitschaft für die Aufklärung gegenüber dem verfeindeten Bruderstaat. Nächste Woche wollen sich Vertreter des Asean-Bündnisses südostasiatischer Staaten auf der Insel Jeju treffen – 380 Kilometer vom Norden entfernt, aber in Reichweite seiner besseren Raketen.

Südkorea hat in den vergangenen 56 Jahren ständig Propagandakämpfe mit Pjöngjang ausgefochten und lässt sich auch von einem neuen Atomtest nicht so leicht in Panik versetzen. Seoul beschwor den Norden jedoch, den eigenen Beitritt zu einem US-geführten Abkommen nicht als Grund für Kriegsdrohungen zu missbrauchen. Das Abkommen sieht stärkere Kontrolle von Atomtechnik vor.

Nordkorea wiederholte gestern zwar noch einmal, sich nicht länger an das Waffenstillstandsabkommen mit Südkorea von 1953 gebunden zu fühlen. Das klingt jedoch ziemlich vertraut, weil das abgeriegelte Land in den vergangenen 15 Jahren sieben Mal eine schwere Krise heraufbeschworen und kurz darauf mit Bruch des Waffenstillstands gedroht hat. Die Propaganda wählte fast jedes Mal die gleichen Worte. Erst Anfang das Jahres hatte Pjöngjang den USA und Südkorea mit „totaler Vernichtung“ gedroht. Passiert ist nie etwas. Sicherheitsexperten raten auch diesmal dazu, die schrillen Töne als die ganz eigene Kommunikationsweise Nordkoreas zu sehen. Sie gelten eher als Normalfall denn als ein Symptom für eine besondere Krise.

Doch Nordkorea bleibt gefährlich. Das südkoreanische Verteidigungsministerium schätzt die Stärke der gegnerischen Armee auf 1,2 Millionen Mann, von denen die meisten in Bunkern an der Grenze für einen Angriff bereitstehen. Die Waffen mögen nicht auf dem neuesten Stand sein, doch sie wären in einem konventionellen Krieg nicht minder gefährlich. Mit einer auffälligen Mobilisierung vor einem Angriff ist nicht zu rechnen: Kim hält seine Truppen stets in Kriegsbereitschaft. Weil Südkorea sich nicht auf eine Vorwarnzeit verlassen kann, hält Seoul seine Armee ebenfalls ständig bereit. In Südkorea gilt Wehrpflicht. Südkorea stellt dem Norden so mehr als eine Million aktiver Soldaten entgegen. Sie erhalten Unterstützung von rund 37 000 Soldaten der US-Streitkräfte. Die Truppen stehen unter gemeinsamem Kommando, das seit dem Koreakrieg Anfang der 50er-Jahre amerikanisch geführt ist. Das erhöht die Abschreckung. Pjöngjang soll wissen, dass ein Angriff auf den Süden bedeutet, es auch mit Washington zu tun zu haben.

Für Südkoreas Vereinigungspolitiker wiegt jedoch der Zusammenbruch gemeinsamer Projekte mit dem Norden schwerer als die Kriegsgefahr. Auf der Wirtschaftskooperation ruhten Hoffnungen einer schrittweisen Annäherung. Die Sonderwirtschaftszone Kaesong – nicht weit hinter der Grenze auf nordkoreanischem Boden – ist aber seit Dezember unzugänglich. Hier produzierten nordkoreanische Arbeiter für südkoreanische Firmen Waren wie Turnschuhe oder Kabel. Im November noch präsentierte die Betreibergesellschaft der westlichen Presse ihre Pläne für einen groß angelegten Ausbau. Auch Kim Jong-Il wusste den Zufluss von Devisen zu schätzen: Die Arbeiter mussten ihren Lohn beim Staat abliefern. Geplant war ein Ausbau der Verkehrsverbindungen von der Sonderzone Kaesong über Zuglinien bis China und eine Vereinfachung des Warenverkehrs in den Süden. Mit der neuen Atomkrise haben sich alle diese Hoffnungen zerschlagen – vorerst zumindest.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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