Konflikte auf dem Dach der Welt
Dunkle Zeiten

Sie beten, sie schreien sich ihre Wut von der Seele, sie koordinieren die Protestbewegung und schicken Bilder von den Unruhen in der tibetischen Hauptstadt Lhasa in die Welt – ein Besuch bei der größten tibetischen Exilgemeinde im indischen Dharamsala

DHARAMSALA/PEKING. „Wir wollen Freiheit“, brüllt Tsering Lhamo und reckt ihre Faust in den blauen Himmel, „wir wollen Gerechtigkeit.“ Zusammen mit Hunderten Exil-Tibetern marschiert die junge Frau schon seit dem Morgen durch die zwei Gassen, aus denen „Klein Lhasa“ besteht –immer hin und her, die engen Straßen rauf und runter.

„Klein Lhasa“ nennen die Tibeter das indische Dharamsala. Hier lebt der Dalai Lama, das Oberhaupt Tibets, seit fast 50 Jahren im Exil. Bis heute folgen ihm Jahr für Jahr Tausende Tibeter über die Gletscher des Himalajas in die Freiheit und riskieren ihr Leben.

Während auf das wirkliche Lhasa, die Hauptstadt Tibets, derzeit die eiserne Faust des chinesischen Staatsapparats niederkracht, verschafft sich der Volkszorn hier ungebremst Luft. „Stoppt den Völkermord!“ schreit die Menge. Pausenlos quetschen sich Demonstrationsströme durch das Nest, das sich an eine schroffe Bergflanke unterhalb der Schneegipfel krallt. Auch kahl geschorene Mönche in ihren weinroten Kutten vergessen die von Buddha geforderte Gleichmut und schreien sich ihre Wut über die Gewaltorgie auf dem „Dach der Welt“ aus der Seele.

Hier in Dharamsala im Norden Indiens lebt die größte tibetische Exilgemeinde. Und hier laufen alle Fäden zusammen, wenn es darum geht, die Welt über Tibet zu informieren, den Protest zu koordinieren und über die Zukunft der chinesisch-tibetischen Beziehungen zu debattieren. Seit gut einer Woche gilt das mehr denn je – seitdem der Widerstand der Tibeter in Lhasa und Umgebung wieder aufgeflammt, ihr beharrlicher Wille, sich Peking nicht zu beugen, erneut für alle Welt sichtbar geworden ist.

Die Autoritäten sahen dem nicht tatenlos zu. Das Ergebnis:Nach Angaben des tibetischen Exilparlaments sind bei den antichinesischen Protesten der vergangenen Tage mehrere Hundert Menschen getötet worden – die offiziellen Zahlen sind weit niedriger. Fest steht nur so viel: Die chinesische Armee greift durch.

Und gestern lässt Chinas Regierungschef Wen Jiabao auch Worte folgen – bei einer Pressekonferenz zum Abschluss der diesjährigen Tagung des Volkskongresses. In einem mit viel Gold verzierten Saal betritt Chinas Top-Politiker bedächtig das Podium. Er weiß, die Welt erwartet von ihm eine Erklärung in Sachen Tibet. Doch er spielt erst mal auf Zeit, stellt seine vier Stellvertreter vor, die auf dem Podium Platz nehmen und über zwei Stunden stumm dem Spektakel folgen werden. So viel Regierung gab es bei der nur einmal im Jahr mit Wen stattfindenden Pressekonferenz für ausländische Journalisten noch nie.

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