Konflikte
Sicherheitslage im Irak weiter verschlechtert

Bei einer neuen Massenentführung haben Bewaffnete in Polizeiuniformen aus einem Büro des Roten Halbmondes in Bagdad bis zu 30 Menschen verschleppt.

dpa WASHINGTON/BAGDAD/DAMASKUS. Die Sicherheitslage im Irak hat sich nach einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums dramatisch verschlechtert.

So habe die Zahl der Anschläge in den vergangenen drei Monaten um 22 Prozent auf 959 Anschläge pro Woche zugenommen, heißt es in einem 50 Seiten langen Bericht des Pentagons, der am Montag dem US-Kongress übergeben wurde. Als größte Gefahr wird erstmals nicht das Terrornetzwerk El Kaida, sondern die Miliz des radikalen Schiiten-Predigers Muktada el-Sadr genannt.

In der bislang pessimistischsten Einschätzung über den Irak-Krieg gibt das Verteidigungsministerium zu, dass die Gewalt in extrem rasantem Tempo eskaliert sei. Die anti-amerikanischen Kräfte hätten einen „strategischen Erfolg“ erzielt, weil die Spirale der Gewalt und das Morden der sunnitischen und schiitischen Todesschwadronen inzwischen das politische System gefährde. Mehr als die Hälfte aller Anschläge sei in Bagdad und der Nachbarprovinz Anbar verübt worden, während in anderen Provinzen relative Ruhe herrsche, heißt es.

Vor der Übergabe des Berichts hatte der neue Verteidigungsminister Robert Gates einem Erfolg im Irak-Krieg oberste Priorität eingeräumt. Ein Scheitern im Irak wäre ein Katastrophe, die auf Jahrzehnte die USA verfolgen, ihre Glaubwürdigkeit schwächen und US-Bürger gefährden würde, sagte Gates am Montag bei der Vereidigung in Washington. Er werde sehr bald in den Irak reisen, um sich von der Militärführung eine ehrliche Einschätzung über die Lage geben zu lassen.

Der Bericht listet außerdem zahlreiche Probleme mit den irakischen Sicherheitskräften auf. Danach ist die Zahl der tatsächlich einsatzbereiten Polizisten und Soldaten weitaus niedriger als angenommen. Zwar seien rund 323 000 Sicherheitskräfte ausgebildet worden, aber nur 196 000 davon seien voll einsatzbereit.

Im Prozess gegen Ex-Präsident Saddam Hussein wegen Völkermordes an den Kurden wurden am Dienstag in Bagdad Dokumente und Videoaufnahmen präsentiert, die Angriffe mit Chemiewaffen im Nordirak im Jahr 1987 belegen sollen. Die Aufnahmen zeigen unter anderem getötete Kinder sowie Flugzeuge der irakischen Luftwaffe und kurdische Dörfer, über denen weißer Rauch aufsteigt.

Ebenfalls in Bagdad wurden unterdessen weitere Mitarbeiter des Roten Halbmondes freigelassen, die am vergangenen Sonntag von Entführern in Polizeiuniformen verschleppt worden waren. Ein Sprecher der Hilfsorganisation sagte, die Entführer hätten bisher 26 der insgesamt mehr als 30 Verschleppten wieder auf freien Fuß gesetzt.

Der einflussreiche kurdische Parlamentsabgeordnete Mahmud Othman warf den Regierungsmitgliedern vor, sie hätten sich in der von den US-Truppen kontrollierten Hochsicherheitszone von Bagdad komplett abgeschottet und heizten die Lage auf den Straßen durch ihren politischen Streit noch zusätzlich an.

Trotz aller Einwände der US-Regierung sind zwei einflussreiche demokratische US-Senatoren nach Syrien geflogen. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat John Kerry und sein Kollege Christopher Dodd wollen bei Gesprächen mit Präsident Baschar el-Assad und Vertretern der Regierung in Damaskus sondieren, ob Syrien bereit ist, bei der Stabilisierung des Iraks zu helfen. US-Präsident George W. Bush lehnt derzeit direkte Gespräche mit dem Iran und Syrien ab.

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