Konjunktur
China wächst unerschütterlich weiter

Die schlimmste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten hinterlässt in den Statistiken der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China kaum eine Delle. Doch auch die warnenden Stimmen mehren sich: Die Regierung müsse aufhören, die Wirtschaft mit billigem Geld zu fluten, wenn sie eine schädliche Blasenbildung vermeiden wolle. Peking muss in der Fiskal- und Geldpolitik umsteuern.

PEKING. Das offizielle Wachstumsziel von acht Prozent für das laufende Jahr ist nach dem starken dritten Quartal praktisch schon erreicht. Einige Volkswirte hoben am Donnerstag ihre Prognosen an. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahresvergleich beschleunigte sich von 7,9 Prozent im zweiten auf 8,9 Prozent im dritten Quartal. Einige Bankenvolkswirte erhöhten daraufhin gestern ihre Wachstumsprognosen auf 8,5 Prozent und mehr. Die Citigroup etwa erwarten nach einem BIP-Wachstum von neun Prozent 2008 Steigerungsraten von 8,7 Prozent im laufenden und sogar 9,8 Prozent im kommenden Jahr.

Der Hauptgrund für den ungebrochenen Wachstumskurs ist die schnelle Reaktion der Regierung auf die Verschärfung der Finanzkrise. Schon im November 2008 legte sie ein Konjunkturpaket von mehr als 400 Mrd. Euro auf. Es wird noch bis Ende 2010 die Wirtschaft stützen. Damit sei klar, dass sich China auch in den nächsten sechs Monaten gut entwickeln werde, sagt Stephen Green, Volkswirt bei Standard Chartered in Schanghai. "Aber das Problem ist, was geschieht danach? Was soll dann das Wachstum antreiben?"

Selbst Chinas Statistiker warnten gestern vor zu großem Optimismus. Noch immer sei die schwache Nachfrage aus den USA und aus Europa ein großes Problem für die Exportwirtschaft. Zugleich sei es eine mühsame Aufgabe, den heimischen Konsum anzukurbeln. Da es in China an einem ausreichenden Sozialsystem fehlt, sparen die Menschen im bevölkerungsreichsten Land der Erde einen Großteil ihres Einkommens für schlechte Zeiten oder für das Alter.

Vor allem die massive Ausweitung der Kreditvergabe sehen Ökonomen kritisch. Rund eine Billion Euro neuer Kredite haben Chinas Banken in den vergangenen zwölf Monaten vergeben. Sie flossen vor allem in den Bau von Straßen, Flughäfen, Eisenbahnstrecken und Kraftwerken. "Die Frage ist nun, wie können Sie aufhören, so viel Geld ins System zu pumpen ohne das Wachstum zu stark zu bremsen", beschreibt Michael Pettis, Finanzprofessor an der Universität Peking, das Dilemma. Will die Regierung das Wirtschaftswachstum weiter mit billigen Krediten finanzieren, drohen nach Ansicht vieler Experten Blasen an den Immobilien- und den Finanzmärkten. Auch in der Industrie wächst die Sorge, dass die kreditfinanzierten Investitionen Überkapazitäten schaffen.

Dennoch hat die Regierung noch am Mittwoch bekräftigt, dass sie sowohl an der lockeren Geldpolitik als auch am Konjunkturpogramm festhalten wolle.

In den ersten neun Monaten stiegen die Anlageinvestitionen um ein Drittel, die Verkäufe von Immobilien sogar um 73 Prozent. Der Aktienindex in Schanghai schoss in die Höhe. Offenbar auch, weil nach Ansicht vieler Banker Kredite aus dem Konjunkturprogramm an die Chinas Börse geflossen sind.

Selbst chinesischen Bankern wird das langsam zu heiß. China müsse seine Geldpolitik straffen, um eine Blase an den Aktien- und Immobilienmärkten zu vermeiden, sagte Qin Xiao, Chef der China Merchants Bank. Doch das könnte zu Turbulenzen an den Börsen führen. Ein Rückgang der Kreditvergabe im Juli ließ den Index in Schanghai sofort um 20 Prozent einbrechen. Auch gestern reagierte die Börse mit Kursverlusten auf die Wachstumsdaten - womöglich aus Furcht, dass Peking nun die geldpolitischen Zügel anzieht.

Chinas Führung stehe vor großen Aufgaben, sagt Yolanda Fernandez Lommen, Chef-Ökonomin für China bei der Asian Development Bank. Sie habe mit dem Konjunkturprogramm den einfachen Teil der Krise gemeistert. "Die echte Herausforderung liegt aber noch vor ihnen."

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