Konjunktur in der Türkei
„Erdogans Wille geschehe“

Der türkische Präsident wird zum Risiko für die Wirtschaft: Zwar wächst die türkische Wirtschaft noch. Doch Recep Tayyip Erdogans Machtstreben verzögert überfällige Strukturreformen.
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AthenDie türkische Wirtschaft wächst stärker als erwartet. Aber die zunehmende Machtkonzentration in den Händen von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, die Eskalation des Kurdenkonflikts, die Bedrohung durch den Terrorismus und Erdogans konfrontationsgeladene Außenpolitik verunsichern ausländische Investoren und Anleger. Der Staatschef, der früher als „Vater des türkischen Wirtschaftswunders“ gefeiert wurde, wird zunehmend zu einem Risikofaktor.

Das türkische Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat im ersten Quartal mit einem Plus von 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr die meisten Prognosen übertroffen. Die Analysten hatten im Durchschnitt mit einem Zuwachs von 4,4 Prozent gerechnet. Fabian Hungerland, Türkei-Experte der Berenberg Bank, führt diesen Schub allerdings auf einen Einmal-Effekt zurück: „Der deutlich erhöhte Mindestlohn zu Beginn des Jahres trieb das Wachstum mehr als erwartet“. Die Exporte gingen dagegen zurück.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für dieses Jahr ein Wachstum von 3,8 Prozent, nach vier Prozent im Vorjahr. Die EU-Kommission setzt in ihrer Frühjahrsprognose 3,5 Prozent Wachstum an. Die Ratingagentur Standard & Poor’s erwartet 3,4 Prozent.

Von ihrem Boom in den Jahren 2002 bis 2011, dem ersten Jahrzehnt der Ära Erdogan, als die türkische Wirtschaft um durchschnittlich sieben Prozent pro Jahr zulegte, ist die Türkei damit weit entfernt. Allein um ihre Beschäftigungsquote zu sichern, brauche das Land ein jährliches Wirtschaftswachstum von mindestens fünf Prozent, meint der Istanbuler Ökonom und Wirtschaftskolumnist Mustafa Sönmez. Ein Alarmsignal ist die Arbeitslosenquote, die mit über zehn Prozent auf dem höchsten Stand seit vier Jahren liegt. Unter den 15- bis 24-Jährigen beträgt sie sogar 18 Prozent. Das birgt soziale Sprengkraft.

Die wachsende Arbeitslosigkeit und die steigende Inflation, die nach der EU-Prognose in diesem Jahr 8,6 Prozent erreichen dürfte, sind keine guten politischen Vorzeichen für Präsident Erdogan – auch wenn der Staatschef derzeit fester denn je im Sattel zu sitzen scheint. Mit der Ablösung des bisherigen Premierminister Ahmet Davutoglu zog Erdogan im Mai noch mehr Kompetenzen an sich. Das spiegelt sich auch in der Besetzung des neuen Kabinetts. Der bisher für die Koordination der Wirtschafts- und Finanzpolitik zuständige Vizepremier Mehmet Simsek gehört zwar auch der neuen Regierung an, muss aber wichtige Geschäftsbereiche wie die Zuständigkeit für die Kapitalmarkt- und Bankenaufsicht an Erdogan-Vertraute abgeben. Simsek, ein früherer Merrill Lynch-Manager, galt bisher unter Investoren und Anlegern als Garant wirtschaftspolitischer Kontinuität. Dass er nun teilweise entmachtet wird, ist keine gute Nachricht.

Kommentare zu " Konjunktur in der Türkei: „Erdogans Wille geschehe“"

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  • Ich bin enttäuscht über die türkische Familien-Politik.

    Nach dem Verbot der Gay-Pride-Parade in Istanbul ist die Polizei in der türkischen Metropole am Sonntag gewaltsam gegen einige Dutzend Teilnehmer einer Demonstration für die Rechte Homosexueller vorgegangen.

  • Der Schoki zeigt demokratische Tendenzen auf, ob das zur EU passt ?

  • Putin sollte draußen bleiben, sonst wird Russland angesteckt. Die letze lupenreine Demokratie in Europa muß als Vorbild erhalten bleiben.

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