Konjunktur
„Indien fliegt“

Indiens Wirtschaft trotzt den globalen Konjunktursorgen. Die Binnenkonjunktur läuft prächtig, die Wirtschaft wächst um stramme neun Prozent. Nun wird die Inflation zum drängenden Problem. In einem Land, in dem mehr als eine halbe Milliarde Menschen von weniger als einem Euro am Tag leben müssen, ist das politischer Sprengstoff.
  • 0

NEU-DELHI. Mit 8,8 Prozent wuchs sie im Quartal bis Ende Juni so stark wie zuletzt vor fast drei Jahren. Wie schon während der Finanzkrise profitiert Indien dabei von seinem riesigen Binnenmarkt und der geringen Exportabhängigkeit. Weil auch China zuletzt unter der verschlechterten Weltwirtschaftslage litt, kommt Indien den Wachstumszahlen des großen Rivalen immer näher. Es ist ein Stabilitätsanker in Asien geworden. Und die Chancen stehen gut, dass es diese Rolle sogar noch ausbauen wird. Denn trotz der hohen Inflation sind unterm Strich die Konjunkturrisiken in Indien zurzeit deutlich geringer als in China und Japan.

Zinsen steigen

"Indien fliegt", kommentierte Frederic Neumann, Chefanalyst bei der Bank HSBC, die aktuellen Wirtschaftszahlen. Obwohl die Regierung ihre Konjunkturprogramme zurückfahre, habe sich das Wachstum beschleunigt. Indien steht damit in scharfem Kontrast zu den USA und vor allem Japan, das aus Angst vor einem Rückfall in die Rezession seine Geldpolitik zu Wochenbeginn erneut gelockert hat. Von der indischen Zentralbank dagegen erwarten die meisten Analysten eine weitere Zinsanhebung. Es wäre seit März die Fünfte. Trotzdem verharrt der maßgebliche Inflationsindikator, der Großhandelspreisindex, seit Jahresbeginn bei Werten um die zehn Prozent. Die Nahrungsmittelpreise sind noch deutlich stärker explodiert. In einem Land, in dem mehr als eine halbe Milliarde Menschen von weniger als einem Euro am Tag leben müssen, ist das politischer Sprengstoff. Premier Manmohan Singh hat deshalb den Kampf gegen die Inflation zur obersten Priorität erklärt.

Der scharfe Preisanstieg hat die Inder allerdings nicht davon abgehalten, das Geld mit beiden Händen auszugeben. Vor allem bei langlebigen Konsumgütern läuft das Geschäft. Die Industrie arbeitet an der Kapazitätsgrenze. Autohersteller wie Maruti Suzuki, Hyundai und VW haben monatelange Lieferzeiten, weil die Zulieferer mit der Produktion nicht hinterherkommen.

Eine Abkühlung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Gleich mehrere Faktoren sprechen dafür, dass Indiens Binnennachfrage weiter zulegen wird. So profitiert die Landwirtschaft dieses Jahr von einem sehr guten Monsun, die Regierung prognostiziert eine Rekordernte. Das wird die Inflation senken und zugleich der Landbevölkerung höhere Einkommen bringen. 60 Prozent der 1,2 Milliarden Inder leben auf dem Land. Können sie mehr Geld ausgeben, gibt das der Volkswirtschaft einen großen Wachstumsschub. Hinzu kommen der gewaltige Investitionsbedarf in die marode Infrastruktur sowie der Druck zum Kapazitätsausbau bei vielen Firmen. Und schließlich werden die steigenden Löhne die Binnennachfrage ankurbeln. Der US-Personalberater Hewitt Associates schätzt den Lohnanstieg 2010 auf 10,6 Prozent.

Großes Handelsbilanzdefizit

Unter diesen Bedingungen kann Indien einen Rückgang der Exporte besser verschmerzen als die anderen Bric-Staaten, sollte die Weltwirtschaft einen Rückfall erleiden. Zumal seine Ausfuhren nur knapp über 20 Prozent zur gesamten Wirtschaftsleistung beitragen und damit weit weniger als in China, Brasilien und Russland. Das Risiko lauert anderswo: Die starke Binnennachfrage wird die Importe erhöhen und damit das Defizit in Indiens Handelsbilanz.

Langfristig droht Indiens Wirtschaft zudem ein politisches Risiko. Die Regierung bringt dringend nötige Wirtschaftsreformen nicht voran, obwohl sie im Unterhaus des Parlaments eine komfortable Mehrheit hat. Im Doing-Business-Index der Weltbank belegt Indien einen beschämenden 133. Platz, noch hinter Malawi, Nigeria oder Bangladesch. Für Reformen etwa des archaischen Steuersystems oder die Öffnung geschützter Branchen für ausländische Investoren fehlt der politische Mut. Dabei weiß die Regierung um ihre Dringlichkeit. Erste Folgen sind schon sichtbar. So sind die ausländischen Direktinvestitionen im ersten Halbjahr um 18 Prozent auf 10,8 Mrd. Dollar gesunken.

Kommentare zu " Konjunktur: „Indien fliegt“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%