Konjunktur
Schweiz fährt auf Trittbrett aus der Krise

Der Export soll die Konjunktur in der Schweiz ankurbeln. Aus eigenen Kräften schafft es die kleine, offene Volkswirtschaft wohl nicht aus der Rezession. Die Arbeitslosenzahlen steigen, Lohnsteigerungen gibt es kaum. Der Export soll den privaten Konsum als Konjunkturstütze ablösen – die Schweiz hofft auf Erholung in der EU, ihrem wichtigsten Handelspartner.
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ZÜRICH. In der Schweiz heißt die magische Zahl auf dem Arbeitsmarkt nicht zehn wie in den USA, sondern fünf. Im Gegensatz zu den Amerikanern haben die Eidgenossen diese viel niedrigere Schmerzgrenze auch noch nicht überschritten. Im Oktober verharrte die bereinigte Arbeitslosenquote in der Alpenrepublik bei 4,1 Prozent. Volkswirte sehen dennoch einen Trend nach oben und sagen für die kommenden Monate einen weiteren Anstieg auf über fünf Prozent voraus. Das wäre zwar nur halb so viel wie in den USA. Für die wirtschaftlich stabilere Schweiz wäre es dennoch ein Schock. So hoch war die Quote zuletzt vor vier Jahren.

Die Schweiz ist mit einigen Stärken und Schwächen in die weltweite Rezession geschlittert. Als kleine, offene Volkswirtschaft ist das Land den Stürmen der Weltwirtschaft viel stärker ausgesetzt als Nationen mit einem großen Binnenmarkt. Andererseits hat es in der Schweiz weder eine Immobilienblase noch eine starke Verschuldung der Privathaushalte gegeben. „Darum hat sich der Konsum auch relativ gut gehalten“, sagt Daniel Kalt. Der Ökonom der Großbank UBS rechnet für das laufende Krisenjahr mit einem Konsumzuwachs von knapp einem Prozent. Im Oktober war die Verbraucherstimmung nach einer Umfrage des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) „deutlich“ gestiegen.

UBS-Ökonom Kalt traut dem Trend aber noch nicht und verweist darauf, dass nicht nur die steigenden Arbeitslosenzahlen die Kauflaune dämpfen, sondern auch die nur geringen Lohnsteigerungen von 0,8 Prozent für 2010. Zudem werde die Arbeitslosigkeit wie in Deutschland mit staatlich gestützter Kurzarbeit künstlich niedrig gehalten. Eine riskante Strategie, da das Wirtschaftswachstum auf Jahre hinaus kaum wieder ein Vollbeschäftigungsniveau erreichen dürfte.

Die Fachleute sind sich weitgehend einig, dass eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung nur vom Export kommen kann. Da die Schweizer Wirtschaft fast die Hälfte aller produzierten Güter und Dienstleistungen im Ausland verkauft, ist ihr Wohl an das Schicksal ihrer wichtigsten Handelspartner gekoppelt. Mit einem Exportanteil von fast zwei Drittel kommt der EU dabei eine besondere Bedeutung zu.

Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland und Frankreich sind deshalb gute Nachrichten für die Schweizer Firmen. Die Auftragseingänge der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie haben sich nach ihrem Einbruch im dritten Quartal wieder erholt. Selbst die Geschäftsentwicklung der krisengeschüttelten Banken ist erstmals seit zwei Jahren wieder positiv. Dennoch: die Kapazitätsauslastung der Schweizer Industrie ist mit 76,5 Prozent auf den Tiefststand der 70er-Jahre gefallen.

Zudem warnt die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) davor, alle Hoffnung auf das Ausland zu setzen. „Wir befürchten, dass der Aufschwung in wichtigen EU-Ländern wieder zum Stillstand kommt, wenn die staatlichen Hilfsprogramme auslaufen“, sagte KOF-Ökonom Yngve Abrahamsen. Sein Institut rechnet deshalb auch nur mit einem leichten Wirtschaftswachstum von 0,1 Prozent für 2010 nach einer Schrumpfkur von 3,4 Prozent im laufenden Jahr. Die UBS ist für 2010 deutlich optimistischer und rechnet mit einem Plus von 1,7 Prozent.

Mit ihren großen Nahrungsmittel-, Chemie- und Pharmakonzernen ist die Schweiz zwar weit weniger anfällig für zyklische Schwankungen als zum Beispiel Deutschland. Allerdings gibt es auch konjunktursensible Wirtschaftszweige wie die Uhrenindustrie. In keinem anderen Gewerbe sind die Auftragsbücher so stark zusammengeschmolzen wie bei den eidgenössischen Uhrmachern. Im ersten Halbjahr war der Export um ein Viertel eingebrochen. Mehr als 3 000 Mitarbeiter mussten gehen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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  • "Schweiz fährt auf Trittbrett aus der Krise". Fleißige wettbewerbsfähige Unternehmen erzielen trotz gut verdienenden Mitarbeitern und starkem Franken gute Gewinne. Wo ist hier das Trittbrett?

    Eher wohl hier:
    Die schweizer banken und Elitebanker bereichern sich mit Hilfe unlauterer Steuer-/Wettbewerbsvorteile an ihren Nachbarn.

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