_

Konkurrenz für Fitch & Co.: Frankreichs Zentralbankchef fordert EU-Ratingagentur

exklusiv Der Gouverneur der französischen Zentralbank, Christian Noyer, treibt die Vision einer europäischen Ratingagentur voran. Das Ziel: Die Abhängigkeit von den angelsächsischen Marktführern zu verringern. Im Handelsblatt-Interview spricht Noyer außerdem über schärfere Regeln für die Finanzmärkte - und ob ihn der Kursverfall des Euro beunruhigt.

Zentralbankchef Noyer will mehr Wettbewerb im Ratingmarkt. Quelle: Reuters
Zentralbankchef Noyer will mehr Wettbewerb im Ratingmarkt. Quelle: Reuters

PARIS. Der Gouverneur der französischen Zentralbank, Christian Noyer will den Wettbewerb im Ratingmarkt stärken. Kreditversicherer wie Euler-Hermes und Coface bewerteten die Qualität von Krediten, deshalb könnten sie "leicht ihre eigenen Ratings vornehmen", sagte der Chef der Banque de France, der auch Vorsitzender des Verwaltungsrats der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist, im Interview mit dem Handelsblatt.

Anzeige

"Sie haben das Wissen, eine entsprechende Erfarung, und sie müssen sogar bezahlen, wenn die Ratings falsch sind." Nach Meinung von Noyer könnten sie leicht den Ratingmarkt erobern.

Ziel einer solchen europäischen Ratingagentur ist es, die Abhängigkeit von den dominierenden Häusern Moody's, Standard & Poor's und Fitch zu verringern - die zu den Mitauslösern der europäischen Schuldenkrise zählen. Noyers Vorschlag ist der Bundesregierung bekannt und stößt in Berlin auf Wohlwollen.

Der fallende Wechselkurs des Euro beunruhigt Noyer indes nicht. "Der Euro ist und bleibt eine starke Währung", sagte er. Die Kaufkraft der Gemeinschaftswährung sei bestens geschützt, weil die Europäische Zentralbank verpflichtet sei, Preisstabilität zu gewährleisten. Dies werde sie auch weiterhin tun.

Zudem entspreche der aktuelle Wechselkurs des Euros gegenüber dem Dollar in etwa dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre. "Das ist keineswegs ein aßergewöhnlich niedriges Niveau", sagte der französische Zentralbankchef.

Noyer ist zuversichtlich, dass es gelingen wird, mit den Regierungsprogrammen die Wirtschaft auf Dauer zu stärken. Die Regierungen hätten ein sehr überzeugendes System auf den Weg gebracht, erklärte er. "Ich glaube daher, dass wieder Normalität einkehren könnte." Er sehe keinen Grund, warum das Vertrauen an den Märkten nicht wieder voll hergestellt werden sollte.

Dass die Europäer und die Amerikaner in der Bankenregulierung nicht an einem Strang ziehen, beunruhigt den Gouverneur nicht. Entscheidend sei, dass alle die gleichen Grundregeln anwendeten. Das seien die Kapitalanforderungen für Banken, wie sie im Basel-II-Rahmenwerk festgelegt seien, und die anstehenden Basel-III-Regeln.

"In Europa können wir mehr darauf vertrauen, neue Exzesse zu vermeiden, denn Basel II erlaubt uns, die Kapitalanforderungen für Banken mit einem höheren Risikoprofil anzuheben", sagte Noyer. Außerdem habe der Baseler Ausschuss entschieden, die Kapitalanforderungen für Marktoperationen und Verbriefungen stark zu erhöhen. Das werde nächstes Jahr umgesetzt. "Die Amerikaner arbeiten daran, sie sind nur ein bisschen spät", erklärte Noyer.

  • 02.06.2010, 10:36 UhrAnonymer Benutzer: Carl

    Das Europäische Raj: Wir werden eine EU Rating Ag. etablieren mit konstitutionell festgelegtem Default AAA Rating. Ausländische Rating Ags. werden geächtet. Ausserdem legt die ECb forthin Aktienpreise fest. Short Seller werden füsiliert.

  • 02.06.2010, 10:28 UhrAnonymer Benutzer: Leertasche

    FiMOSTAPO und der Wettbewerb - Lachhaft! - Dann sollen mal die "freien Kräfte des Marktes" auch hier wirken und Neues schaffen!
    Und Europa in diesen Dingen im selben boot wie die USA? Käme mir vor wie Staaten-Genocid.
    Zentralbanklenker und biZ-Vorstände als Think-Tank einer europäischen Rating-Agentur kommen mir vor wie ein irrwitz der Geschichte. Habe den Eindruck, jene hätten genug Probleme, gesetzes- und verfassungstreu zu bleiben und ihren ureigensten Aufgaben gerecht zu sein.
    Da will aber einer gegen eine gefährliche zu früh oder auch mal zu spät zündende bombe eine Atombombe entgegensetzen. Entweder Gesetze machen, legitim gewählt versteht sich, oder Gesetze ausführen. Aber beides? Wenn was falsch läuft wahrscheinlich auch noch sich selber einsperren.

    Sozusagen

  • 02.06.2010, 10:06 UhrAnonymer Benutzer: contrarian

    Es bleibt immer das gleiche Motiv der Politik, ob bei Spekulanten oder Ratingagenturen. Die Ablenkung von eigenen Fehlern.

    Oben genannte halten der Politik den Spiegel ob ihrer desaströsen Haushaltspolitik vor. Ohne Spekulanten und Ratingagenturen wäre das Problem der Verschuldung in der EU weiterhin von der Politik vertuscht worden.

    Schuld an dieser Finanzkrise ist definitiv die Unfähigkeit der Politik mit dem ihnen vom Steuerzahler anvertrauten verantwortungsbewusst umzugehen und eine enorme Schuldenlast aufgehäuft zu haben. Wenn jetzt Anleger zweifeln ob die Schulden bedient werden kann weder den Spekulanten noch Ratingagenturen etwas vorgeworfen werden.

    Die Staaten müssen anfangen ihren Haushalt mit Kürzungen in Ordnung zu bringen. in Deutschland muss der beamtenstatus fallen um mit einen effektiven schlanken Staat die Schuldenlast zu verringern. Aber der erste Schritt hierzu bleibt die Einführung der Direkten Demokratie der Politik traue ich keine Reformen mehr zu. Hier muss der bürger die Veränderung erzwingen.

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Kontrolle weiter abgelehnt: Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Der Iran bleibt beim Atomprogramm stur: Kontrolleuren wird nach wie vor der Zugang zu den Anlagen verweigert - gleichzeitig kündigte die Regierung nun den Bau eines neuen Kernkraftwerks an. Streit ist vorprogrammiert.

Umfragewerte: Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Ganze drei Prozent verliert die Union in einer aktuellen Umfrage. Mit nur 32 Prozent Zustimmung muss Merkels Partei sogar aufpassen, nicht von der SPD eingeholt zu werden. Doch aus der Partei kommen optimistische Töne.

Wird Strom teurer?: Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier will mehr Tempo bei der Energiewende. Es ist eine Herkulesaufgabe. Nun drohen auch noch die Kosten auszuufern. Ein Zurück zur Atomkraft soll es aber nicht geben.

Global Reporting Krieg gegen Krankenhäuser

An einem Sonntagmorgen im Sommer 2011 wollte der 21-jährige Syrer Khaled al-Hamedh Medikamente für seinen kleinen Bruder besorgen. Khaled machte sich auf den Weg zu einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hama. Die Apotheken in Hama waren... Von Jan Dirk Herbermann. Mehr…

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International