Kopenhagener Gipfel
Klima- und Konferenzdiplomatie ist am Ende

Die Klimakonferenz in Kopenhagen ist vor allem am Konflikt zwischen Arm und Reich gescheitert.Als die Großen der Weltpolitik die Richtung vorgaben, revoltierten die Kleinen – und siegten. Nicht nur die globale Klimapolitik ist am Tiefpunkt angelangt. Auch die Uno-Konferenzdiplomatie in ihrer heutigen Form ist am Ende.
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KOPENHAGEN. Kurz vor Schluss scheint ihm alles egal zu sein - Hauptsache, der Alptraum hört auf. Mit glasigem Blick und ausdrucksloser Stimme verkündet Lars Lokke Rasmussen, der soeben von rund 30 Staaten mühsam ausgetüftelte Minimalkompromiss zur Rettung des Kopenhagener Klimagipfels könne "nicht angenommen werden". Punkt.

Der Konferenzleiter erklärt damit nicht nur das komplette Scheitern der zweiwöchigen Veranstaltung. Rasmussen, Dänemarks Premierminister, markiert auch den Tiefpunkt des weltweiten Ringens seit 14 Jahren, wie dem Klimawandel beizukommen ist. Die Vereinten Nationen, für die Rasmussen die Konferenz ausrichtetet, sind desavouiert; die Menschheit, so sehen es viele, ist der Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlage wieder ein Stück näher gerückt. Weil Arm und Reich zu keinen echten Kompromissen bereit waren. Und weil Rasmussen die Konferenz völlig aus dem Ruder laufen ließ.

Es ist Großbritanniens Umweltminister Ed Miliband, der in der Nacht zum Samstag das Schlimmste verhindern will - mit einer Drohung. Er verweist darauf, dass im Falle der Nichtannahme die von den Industriestaaten angebotenen Milliarden-Klimahilfen für Entwicklungs- und Schwellenländer ausblieben. Die Sitzung wird unterbrochen. Das Aus der Konferenz ist vom Tisch - erst mal. Das Geld lockt.

Am Ende nutzt es nicht viel. Die Weltklimakonferenz geht einige Stunden später mit einem Minimalkompromiss zu Ende, der den Kampf gegen Klimawandel vertagt. Selbst prominente Staatenlenker, die sehr geübt darin sind, auch eine Niederlage noch als Erfolg zu verkaufen, geben sich schmallippig, räumen ein, dass Kopenhagen die Erwartungen nicht erfüllt hat.

Die Großen dieser Welt, die Merkels und Obamas und Sarkozys, sie haben im Kongresszentrum am Rande der dänischen Hauptstadt so ziemlich alles falsch gemacht. Da wollten die Angela, der Nicolas und der Barack mal eben alles klären. Wollten das Klein-Klein der Fachleute, deren Entwürfe zusammenfassen zu einem rettenden globalen Konzept. Klimakanzlerin Merkel bemüht sich in den letzten beiden Konferenztagen darum, Fäden zusammenzuführen, verdonnert ausgewachsene Staatschefs zur Textarbeit - Kapitel für Kapitel, Zeile für Zeile. Doch es ist alles vergebens.

Es melden sich die Armen zu Wort, die sich bevormundet fühlen. Es sind diese frühen Morgenstunden des Samstags, die in Erinnerung bleiben werden.

Da will Konferenzleiter Rasmussen das Papier der 30 Staaten rund um Merkel und Obama schnell durchwinken, er ist müde. Rasmussen pfeift - ob absichtlich oder aus Unwissenheit - auf die Verfahrensregeln und stellt vom Podium herunter fest, über das Papier bestehe nun im Plenum "Konsens" - eine mehr als kühne Feststellung.

Eine Empörungswelle schwappt Richtung Podium. Es melden sich die Staaten zu Wort, die Rasmussen schon seit Tagen provoziert. Etwa indem er während der Diskussionsbeiträge ihrer Delegierten auf dem Podium minutenlang schläft oder auf manche ihrer Wortbeiträge mit kaum gezügelter Arroganz reagiert.

Tuvalu schlägt jetzt zurück. Tuvalu gehört zur "Alliance of Small Island States" (AOSIS), jener Gruppe also, deren Mitglieder schon heute absehen können, dass sie in wenigen Jahrzehnten vom Meer verschluckt werden, wenn sich nicht rasch etwas ändert. Ian Fry, Delegierter aus Tuvalu, hat die Chance seines Lebens. Nun ist der richtige Moment, um vor der Weltöffentlichkeit aufzustehen.

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  • Eine Ursache des Scheiterns der Kopenhagen Konferenz liegt sicherlich auch darin, dass man zwar Klimaprobleme als Grundlage der Verhandlungen angab, in Wirklichkeit aber über eine Aufteilung der globalen Ressourcen verhandelte.

    Da war nun keiner der Staaten bereit, hier Konzessionen zu machen. Kein größeres Land war freiwillig bereit, seine Entwicklungschancen einzuschränken. Dies galt vor allem für Länder wie China, indien, brasilien, und selbst für die USA.

    Als bumerang erwiesen sich die Prophezeiungen über die Auswirkungen höherer globaler Temperaturen in Afrika und anderen Entwicklungsländern. Das gab diesen Ländern nun die Möglichkeiten, von den industrieländern Kompensationszahlungen zu verlangen. Dabei sind die wissenschaftlichen Angaben dafür recht dürftig.

    So spielt die Sonne und das Verhalten der unterschiedlichen Wolkenbedeckung in den Klimarechenmodellen keine Rolle. Aber gerade diese Modelle sind die Grundlage für die Angabe eines Klimazieles von 2 % Minderung.

    Wie sich jetzt herausstellte, haben einzelne Wissenschaftler tüchtig nachgeholfen, wenn die Ergebnisse nicht gestimmt haben.

    Und der oberste Klimaschützer, Pachauri, hat gemäss Daily Telegraph vom 21. Dezember 2009 eine enge Verbindung zur industrie und interessenverbände.

    http://www.telegraph.co.uk/news/6847227/Questions-over-business-deals-of-UN-climate-change-guru-Dr-Rajendra-Pachauri.html

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