Korea
Boom am Todesstreifen

Südkoreas Hauptstadt Seoul platzt aus allen Nähten. Um dem Ansturm Herr zu werden, wird zunehmend auch die militärisch sensible Grenzregion zu Nordkorea für ehrgeizige Bauprojekte freigegeben. In Sichtweite des Stacheldrahts stehen nun riesige Fabriken, Hochhaussiedlungen und ganze neue Städte. Doch auch in Nordkorea tut sich etwas. Hier entsteht ein Wirtschaftswunder wie es das Land noch nicht gesehen hat.

PAJU. Die Grenze zwischen Nord- und Südkorea ist die gefährlichste der Welt. Zwei riesige Armeen stehen sich hier gegenüber. Bis heute haben beide Länder den Krieg offiziell nicht beendet. Stacheldraht, Wachtürme und Panzersperren dominieren das Landschaftsbild entlang des 250 Kilometer langen Todesstreifens, der Kommunismus und Kapitalimsus voneinander trennt.

Wer allerdings auf der „Freiheits-Autobahn“ von der Hauptstadt Seoul nach Norden in Richtung „Demilitarisierte Zone“ (DMZ) fährt, wird überrascht: Ein Meer von Hochhäusern steht da - mit bestem Ausblick auf Nordkorea. Früher war es strikt verboten, hier zu bauen. Doch jetzt beziehen nur wenige Kilometer enfernt vom Klassenfeind junge Familien ihre Appartments. Wie ist dieser Bauboom möglich?

Kim Young-joon hat die Erklärung: „Die Erklärung ist einfach“, sagt er. „Uns geht der Platz aus. Hier ist das Land billig und man ist in weniger als einer Stunde in der Innenstadt von Seoul.“

Kim ist Architekt und arbeitet seit Ende der 90er Jahre am neuen Gesicht des Grenzgebietes. Auch er kommt aus Seoul, der 10-Millionen-Stadt, die wie ein Magnet immer mehr Menschen aus dem ganzen Land anzieht. Fast 40 Prozent der Gesamtbevölkerung lebt hier. Wer eine gute Ausbildung und eine Karriere in internationalen Unternehmen oder den mächtigen koreanischen „Chaebols“ wie Samsung oder Hyundai anstrebt, für den geht kein Weg an der Hauptstadt vorbei.

In der Metropole finden Stadtplaner allerdings immer weniger Baulücken für neue Appartmentkomplexe. Als Folge entstanden die nördlichen Satellitenstädte, 20-30 Kilometer entfernt von Seoul und in Sichtweite der Ferngläser der Grenzpatrouillen. Der südkoreanische Verteidigungsminister hat die Siedlungen einmal gelobt: „Das wären doch super Barrieren gegen die nordkoreanischen Panzer.“

Doch nicht die monotonen Massenunterkünfte, erbaut nach dem koreanischen Verständnis „Wohnraum bedarf keiner Architektur“, haben es Architekt Kim angetan. Sein Projekt liegt noch weiter nördlich im Grenzgebiet und bietet ein völlig anderes Bild.

Der „Paju Publishing Culture Information Industrial Complex“, kurz Paju Bücherstadt, eröffnete 2003 und ist das neue Zentrum der südkoreanischen Verlagskultur. In Paju haben sich vor allem Buchverlage angesiedelt und kräftig investiert, laut Kim bislang rund zwei Billionen US-Dollar. Architektur vom Feinsten im ehemaligen Sperrgebiet ist das Resultat: Kuben mit Glasfassade, Würfel mit Holzlattenverkleidung. L-förmig, quadratisch, gestaffelt, gereiht, Mauerwerk oder Stahlbeton. „Ein Traum für jeden Architekten“, sagt Kim. „Neues Land, auf dem wir tun können, was wir wollen.“

In der Stadt rund ums Buch sollen einmal 20 000 Menschen arbeiten. Nur ein Detail erinnert an die militärische Bedeutung des Landstrichs. Die Regierung bestand auf eine Maximalhöhe der Häuser von 15 Metern oder vier Stockwerken – für koreanischen Geschmack äußerst niedrig. Grund für die Einschränkung: Hinter Paju liegt eine Armeeanlage. Für den Fall einer nordkoreanischen Invasion soll die Sicht frei bleiben.

Stolz verweist Architekt Kim auf sein neustes Vorhaben, die Paju Film City. Gleich neben der Printmedien-Stadt soll bis 2012 auf 150 Hektar ein Mekka für die koreanische Filmindustrie entstehen. Bis vor kurzem befand sich an genau dieser Stelle ein Übungsgelände für Panzer. Koreas berühmte Regisseure Kim Ki-duk und Park Chan-wook sind schon einmal in die Nähe gezogen: In die Künstlerstadt Heyri Art, die ebenfalls neu aus dem Boden gestampft wurde und mit seinem modernen Baustil an die benachbarte Bücherstadt erinnert.

Seite 1:

Boom am Todesstreifen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%