Korea
Kaffeefahrt zum Klassenfeind

Es ist ein historischer Tag: Zum ersten Mal seit über 50 Jahren passieren zwei Passagierzüge die am schärfsten bewachte Grenze der Welt zwischen Nord- und Südkorea. Die durch den Krieg zerstörten Eisenbahnlinien sind wieder in Betrieb. Der Streckentest ist ein wichtiger Schritt im Annäherungsprozess und könnte sich für Seoul und Pjöngjang in barer Münze auszahlen.

MUNSAN. Vier Kilometer breit, vermint, bewacht von Hunden, verbarrikariert mit Panzersperren, blockiert durch einen hohen Drahtzaun, Wachtürme alle einhundert bis zweihundert Meter – das ist die Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Es ist der letzte Eiserne Vorhang der Welt. Niemand soll diese beschönigend als „demilitarisierte Zone“ (DMZ) bezeichnete Grenze unbemerkt passieren.

Doch an diesem 17. Mai ist alles anders. Die Schranken gehen hoch zwischen den beiden Republiken des einen Volkes – für einen Tag. Ein Zug passiert den modernen Grenz-Bahnhof von Dorasan in der DMZ. Nach jahrelangen zähen Verhandlungen mit dem kommunistischen Regime durfte er am Donnerstag von Süden kommend weiter Richtung Norden rollen. Es ist die erste inter-koreanische Verbindung seit der Teilung 1948.

Die Regierung in Seoul spricht von einem „Meilenstein in der Versöhnung beider Länder“, die sich offiziell noch immer seit dem Koreakrieg von 1950 bis 1953 im Kriegszustand befinden. Nach Militärgesprächen hatten sich Nord- und Südkorea auf Testfahrten zweier Bahnlinien geeinigt. Diese führen durch Grenzkorridore im Westen und Osten der Halbinsel.

Hintergrund ist die Entspannung im Streit um das nordkoreanische Atomwaffenprogramm. Im Februar hatte Nordkorea bei internationalen Verhandlungen erste Schritte zum Abbau des Programms im Gegenzug für Energielieferungen zugesagt.

Ingesamt 150 Gäste sind an Bord der Züge. Dabei gilt: Die Nordkoreaner beginnen die Fahrt in Südkorea und umgekehrt. Busse bringen beide Delegationen an die Bahnhöfe jenseits der eigenen Grenze.

Startpunkt der 50 Nordkoreaner für ihre rund zweistündige Reise in der westlich verlaufenden „Gyeongeui Line” ist das grenznahe, südkoreanische Munsan. Die Fahrt geht weiter über Dorasan und Panmun durch den westlichen Teil der DMZ. Von Nord nach Süd setzt sich zur gleichen Zeit die zweite Bahn in Bewegung. Im Osten führt die „Donghae Line“ mit 100 südkoreanischen Passagieren an Bord von der Mt. Geumgang Chongryun Station ins südkoreanische Jaejin.

Die Abfahrt des Zugs aus dem Süden wird von Feuerwerk und traditioneller Trommelmusik begleitet und live von allen Fernsehsendern des Landes übertragen. Hunderte Menschen schwenken Fahnen, auf denen ein wiedervereinigtes Korea abgebildet ist.

„Dies ist ein Tag der Freude“, sagt Yang Kyong Song, die das Ereignis am Bahnsteig von Munsan beobachtet. Die 85-Jährige trägt einen langen weißen Hanbok, eine traditionelle koreanische Kleidung. Ihr ältester Bruder lebt in Nordkorea. „Ich habe Nichten und Neffen, von denen ich nicht einmal die Namen kenne“, sagt sie und kniet sich auf den Boden zum Gebet für eine „sichere Fahrt und ein vereinigtes Korea“.

Eigentlich hätten beide Linien schon vor Jahren befahren werden sollen. Die Pläne waren aber am Widerstand des nordkoreanischen Militärs gescheitert. Stets wurden Sicherheitsbedenken als Begründung angegeben. Niemand sollte einen Blick auf die geheimen Anlagen des Regimes in der Grenzregion erhaschen können. Im vergangenen Jahr sagte Nordkorea einen geplanten Testlauf erst einen Tag vor dem vereinbarten Termin ab.

Südkoreas Interesse an den Bahnlinien in den Norden ist groß. Südkorea – das ist eine Wirtschaftsmacht, die unzählige Autos baut und exportiert, doch aus der keine Straße in die Welt hinausführt. Das Land wird durch das Meer auf drei Seiten und durch die entmilitarisierte Zone im Norden umgeben.

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